Massenkonsum kontra Machtpolitik

Von Francesco Kneschaurek

Es scheint allmählich zur Spezialität der Amerikaner geworden zu sein, auf dem Gebiete der Nationalökonomie "Bestseller" zu produzieren, deren Auflageziffern den Neid mancher erfolgreicher Romanciers erwecken könnten. Es ist erst ein Jahr vergangen, seit Kenneth Galbraith mit seinem Buch über die "Gesellschaft des Überflusses" einen Publizitätserfolg sondergleichen buchen konnte, und schon wird ihm der Rang des "erfolgreichsten nationalökonomischen Schriftstellers der Gegenwart" durch einen Kollegen aus dem Massachusetts Institute of Technology (und, wie Galbraith, einen der Berater des demokratischen Präsidentschaftskandidat Kennedy), Prof. Wall W. Rostow, strittig gemacht.

Jedenfalls ist Rostows neuestes Buch The Stages of Economic Growth ("Die Stadien des wirtschaftlichen Wachstums") auf dem besten Weg, alle bisherigen Auflagerekorde zu brechen. Es hat in den USA, in Europa und sogar hinter dem Eisernen Vorhang die Gemüter dermaßen erhitzt, daß man durchaus mit der Londoner Wochenzeitschrift, The Economist" einig gehen kann, wenn sie bemerkt, Rostows Theorie stelle den anregendsten Beitrag eines Wirtschaftswissenschaftlers zur politischen und wirtschaftlichen Diskussion seit Keynes dar.

Worin besteht nun Rostows Theorie?

Rostow geht von der Überlegung aus, daß jedes Land im Laufe der Zeit verschiedene Entwicklungsphasen durchmacht, nämlich:

1. Die Phase der traditionellen Gesellschaft, Sie ist charakterisiert durch eine weitgehend stationäre Wirtschaftsform. Die Mehrzahl der Erwerbstätigen ist in der Landwirtschaft beschäftigt; der Boden wird noch nach den althergebrachten, primitiven Anbaumethoden bewirtschaftet. Der technische Fortschritt erfolgt äußerst langsam und diskontinuierlich. Die Produktivität der Arbeit und der durchschnittliche Wohlstand der Bevölkerung sind sehr niedrig. Lediglich eine kleine privilegierte Führungsschicht verfügt über Reichtum und wirtschaftliche Macht, während die große Masse des Volkes ärmlich dahinvegetiert.

2. Die Phase der "Übergangsgesellschaft". Während dieser Phase werden die Grundsteine für einen Übergang von der stationären, traditionellen Wirtschaftsform zu einer dynamischeren Entwicklungsform gelegt. Drei Merkmale charakterisieren nach Rostow diesen Abschnitt: erstens eine revolutionierende Umgestaltung der landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse. Der Übergang zu rationelleren Bewirtschaftungsformen und zur Anwendung der Agrartechnik führt zu einer Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft, wodurch die Freisetzung von Arbeitskräften für andere Produktionszwecke – namentlich für die Industrialisierung des Landes – ermöglicht wird. Zweitens der Auf- und Ausbau der sogenannten komplementären Wirtschaftszweige (Transportwege und -mittel, Energiewirtschaft, Schul- und Bildungswesen usw.), die erst geschaffen werden müssen, bevor man zur eigentlichen Produktion von industriellen Gütern schreiten kann. Drittens die zunehmende Bedeutung der internationalen wirtschaftlichen Beziehungen.

Massenkonsum kontra Machtpolitik

3. Die Phase der "Startgesellschaft". Sind die erwähnten Voraussetzungen erfüllt, so ist die Wirtschaft zum Start in eine Phase raschen, dynamischen Wachstums bereit. Interessanterweise geht die Expansion immer nur von wenigen "strategischen" Wirtschaftssektoren aus, für die besonders günstige natürliche, standortsmäßige und technische Wachstumsbedingungen vorliegen.

4) Die Phase der wirtschaftlichen Reife. Die Wirtschaft näherte sich mit der Zeit im Laufe ihrer Entwicklung einem "Reifezustand", der sich – nach Rostow – durch einen hochentwickelten Industrie- und Wirtschaftsapparat, eine voll ausgebaute Schwerindustrie, eine kapitalintensive Produktionsstruktur, einen hohen durchschnittlichen Wohlstand der Bevölkerung und einen ebenfalls hohen Stand der Bildung, des Wissens und des technischen Könnens kennzeichnet.

Entscheidend ist nun die Frage, wie sich eine solche technisch hochgezüchtete, hochentwickelte Wirtschaft im weiteren Verlauf ihres Wachstums verhält. Rostow weicht hier von den bisherigen "Phasenhistorikern" ab, indem er den geschilderten historischen Wachstumsphasen nicht einfach eine weitere hinzufügt, in die schließlich alle Wirtschaften auf ihrer Entwicklungsbahn einmünden werden. Er zeigt vielmehr eine Reihe von Alternativen auf, die einer "reifen" Wirtschaft offenstehen, so daß diese praktisch eine Wahl zwischen verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten treffen kann.

Dabei sind vor allem zwei mögliche Alternativen hervorzuheben: Die eine führt zur Massenkonsumgesellschaft: Der Wirtschaftsapparat wird in erster Linie zur Befriedigung der Konsumbedürnisse und zur Gewährleistung eines hohen Wohlstandes eingesetzt.

Die andere Alternative führt zum Einsatz des vollentwickelte Wirtschaftsapparates für machtpolitische Zwecke, wobei die Produktion von Konsumgütern zurückgedämmt und die Erzeugung kriegswichtiger Güter auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung forciert wird.

Die Vereinigten Staaten haben sich als erste dazu entschlossen, den Weg zur Massenkonsumgesellschaft zu beschreiten; auch die beiden Weltkriege haben sie von diesem Kurs nicht auf die Dauer abgetrieben.

Die Situation in Europa weist einige Besonderheiten auf, indem die meisten europäischen Industrieländer nicht unmittelbar nach der Periode der Reife in das Stadium der Massenkonsumgesellschaft eingetreten sind. Dieser verzögerte Phasenübergang ist zum Teil auf die Folgen des ErstenWeltkrieges und der damit verbundenen Desorganisierung des Wirtschaftsapparates zurückzuführen; ferner auf den Umstand, daß Europa in der Zwischenkriegszeit nur wenige Jahre wirtschaftlicher Prosperität erlebte und die Krise der dreißiger Jahre den wirtschaftlichen Wachstumsprozeß überhaupt zum Stillstand brachte. Entscheidend ist aber vor allem, daß verschiedene europäische Staaten in der Zwischenzeit die Stärkung ihrer militärischen und politischen Machtstellung gegenüber der Außenwelt als das dringlichste Ziel betrachteten: Hitler Agressionspolitik stellt ein eindrückliches Beispiel dafür dar, wie eine Gesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung vom Weg zur Massenkonsumgesellschaft abgelenkt und das Wohlstandsziel machtpolitischen Belangen geopfert werden kann.

Massenkonsum kontra Machtpolitik

Heute ist es die Sowjetunion, die vor der schicksalhaften Frage steht, zu wählen, in welcher Richtung sie die verfügbaren wirtschaftlichen und technischen Kräfte einsetzen soll.

An sich wäre die Sowjetunion durchaus für den Übergang zu einer Massenkonsumgesellschaft reif. Das sowjetische Regime hält indessen diese Entwicklung mit allen Mitteln zurück. Die eindrucksvollen Wachstumsgewinne werden in erster Linie in neuen militärischen Vorhaben und Schwerpunktprogrammen investiert.

Die gegenwärtige Führungsschicht in der Sowjetunion versucht offenkundig, das Heraufkommen einer Massenkonsumgesellschaft aufzuhalten, um durch Einsatz des nunmehr vollentwickelten Produktionspotentials für machtpolitische Zwecke die Weltherrschaft zu erringen. Das liegt nicht daran, daß die politischen und militärischen Aussichten gerade besonders günstig wären. Der Kommunismus hat vielmehr nach Rostow eine Gesellschaftsform entwickelt, die ihre politische Durchschlagskraft und Daseinsberechtigung zu verlieren scheint, sobald sie einen hohen Massenverbrauch zuläßt.

Rostow glaubt, daß der Westen alles daran setzen sollte, um die Sowjetunion letzten Endes doch noch zu bewegen, das Steuer der Wirtschaft und der Politik in der Richtung einer Massenkonsumgesellschaft herumzuwerfen. Ansätze dafür sind zweifellos vorhanden.

Zwar regiert heute noch die zweite Sowjetgeneration in den entscheidenden Führungsstellen, aber die Kinder dieser Kader von 1930 verlangen schon jetzt nach Werten, die ihnen die von Stalin geschaffene Gesellschaft ihrer Väter nicht anzubieten vermag. Ihre Forderungen nach größerer Freizügigkeit und Würde und, ganz profan ausgedrückt, nach höherem Konsum machen sich immer nachdrücklicher bemerkbar. Die Tendenz zur Durchsetzung dieser "Buddenbrooks-Dynamik" in der Sowjetunion kann nach Rostow durch den Westen verstärkt werden, wenn dieser sich bemüht, die Sowjetunion keinen militärischen Vorsprung gewinnen zu lassen, der für die Sowjetunion eine Lösung des ideologischen Konflikts mit Waffen attraktiv machen würde. Wichtig ist auch, daß der Westen den Entwicklungsländern die Möglichkeit bietet, sich mit demokratischen Methoden eine angemessene Startsituation zu verschaffen, um zu verhindern, daß sich diese Länder zwangsläufig einem System anlehnen, das ihren Wünschen mehr entgegenzukommen scheint als das kapitalistische.

Es ist allerdings zu bemerken, daß eine Umkehr der bisherigen Politik von Seiten der Sowjets eine grundlegende Entscheidung voraussetzt, die von der "neuen Klasse" gleichsam gegen sich selbst getroffen und gegen die Machtinteressen der gegenwärtigen Führungsschicht durchgesetzt werden müßte. Daß eine solche Entscheidung nicht unbedingt zustande kommen muß, das geht schon daraus hervor, daß "Gründerzeiten" (und das politische System der Sowjets befindet sich ja noch weitgehend in einer solchen Phase) durch eine unerschütterliche Zuversicht in die Zukunft der eigenen Gesellschaft gekennzeichnet sind und daß es lange dauert, bis jene Kräfte zum Zuge kommen, die nach einer Änderung der Gesellschaftsstruktur drängen. Ob sich diese Änderung im Falle der Sowjetunion auf friedlichem Weg vollziehen wird, ist die große Frage der Zukunft.