3. Die Phase der "Startgesellschaft". Sind die erwähnten Voraussetzungen erfüllt, so ist die Wirtschaft zum Start in eine Phase raschen, dynamischen Wachstums bereit. Interessanterweise geht die Expansion immer nur von wenigen "strategischen" Wirtschaftssektoren aus, für die besonders günstige natürliche, standortsmäßige und technische Wachstumsbedingungen vorliegen.

4) Die Phase der wirtschaftlichen Reife. Die Wirtschaft näherte sich mit der Zeit im Laufe ihrer Entwicklung einem "Reifezustand", der sich – nach Rostow – durch einen hochentwickelten Industrie- und Wirtschaftsapparat, eine voll ausgebaute Schwerindustrie, eine kapitalintensive Produktionsstruktur, einen hohen durchschnittlichen Wohlstand der Bevölkerung und einen ebenfalls hohen Stand der Bildung, des Wissens und des technischen Könnens kennzeichnet.

Entscheidend ist nun die Frage, wie sich eine solche technisch hochgezüchtete, hochentwickelte Wirtschaft im weiteren Verlauf ihres Wachstums verhält. Rostow weicht hier von den bisherigen "Phasenhistorikern" ab, indem er den geschilderten historischen Wachstumsphasen nicht einfach eine weitere hinzufügt, in die schließlich alle Wirtschaften auf ihrer Entwicklungsbahn einmünden werden. Er zeigt vielmehr eine Reihe von Alternativen auf, die einer "reifen" Wirtschaft offenstehen, so daß diese praktisch eine Wahl zwischen verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten treffen kann.

Dabei sind vor allem zwei mögliche Alternativen hervorzuheben: Die eine führt zur Massenkonsumgesellschaft: Der Wirtschaftsapparat wird in erster Linie zur Befriedigung der Konsumbedürnisse und zur Gewährleistung eines hohen Wohlstandes eingesetzt.

Die andere Alternative führt zum Einsatz des vollentwickelte Wirtschaftsapparates für machtpolitische Zwecke, wobei die Produktion von Konsumgütern zurückgedämmt und die Erzeugung kriegswichtiger Güter auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung forciert wird.

Die Vereinigten Staaten haben sich als erste dazu entschlossen, den Weg zur Massenkonsumgesellschaft zu beschreiten; auch die beiden Weltkriege haben sie von diesem Kurs nicht auf die Dauer abgetrieben.

Die Situation in Europa weist einige Besonderheiten auf, indem die meisten europäischen Industrieländer nicht unmittelbar nach der Periode der Reife in das Stadium der Massenkonsumgesellschaft eingetreten sind. Dieser verzögerte Phasenübergang ist zum Teil auf die Folgen des ErstenWeltkrieges und der damit verbundenen Desorganisierung des Wirtschaftsapparates zurückzuführen; ferner auf den Umstand, daß Europa in der Zwischenkriegszeit nur wenige Jahre wirtschaftlicher Prosperität erlebte und die Krise der dreißiger Jahre den wirtschaftlichen Wachstumsprozeß überhaupt zum Stillstand brachte. Entscheidend ist aber vor allem, daß verschiedene europäische Staaten in der Zwischenzeit die Stärkung ihrer militärischen und politischen Machtstellung gegenüber der Außenwelt als das dringlichste Ziel betrachteten: Hitler Agressionspolitik stellt ein eindrückliches Beispiel dafür dar, wie eine Gesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung vom Weg zur Massenkonsumgesellschaft abgelenkt und das Wohlstandsziel machtpolitischen Belangen geopfert werden kann.