London, im August

Am 10. August wird Alexander Frederick Douglas-Home, der vierzehnte Earl of Home, seine erste offizielle Auslandsmission als britischer Außenminister beginnen. Wenn er dann über das Rollfeld des Bonner Flughafens schreitet, wird ihm vielleicht durch den Sinn gehen; daß der große Sturm, den seine Ernennung, in England ausgelöst hat, zumindesten ein Gutes hatte; er wurde durch ihn so berühmt, wie es selbst lange Dienstjahre wohl nur schwerlich vermocht hätten. Lord Homes verblüffender Sprung aus der Anonymität in die Popularität hat in der britischen politischen Geschichte kaum ein Beispiel.

Der Diplomat, der auf dem Bonner Flugplatz den versammelten deutschen Würdenträgern und Journalisten entgegentreten wird, ist ein 57jähriger Mann mit einem langgestreckten, gut geschnittenen Gesicht, sympathischen hellblauen Augen und einem etwas unsicheren, zurückhaltenden Lächeln. Diejenigen seiner Gastgeber, die über ein gutes Gedächtnis verfügen, werden sich vielleicht der Situation erinnern, in der der frischgebackene englische Außenminister, zum letztenmal mit Deutschland zu tun hatte. Es war am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, als er – damals Lord Dunglass genannt – als parlamentarischer Privatsekretär dem Premierminister Chamberlain bei dem Versuch assistierte, Hitler zu beschwichtigen.

Lord Homes Verhandlungspartner von heute werden sicherlich feststellen, daß dieser Minister zwar kaum eine Ahnung hat von dem, was sich seit München in Europa ereignete, daß er aber einer der charmantesten Politiker ist, mit dem sie je zu tun hatten. Die Art, wie er sich gibt, unterscheidet sich ganz und gar von der seines häufig so kurz angebundenen Vorgängers Selwyn Lloyd.

Bei der Erregung, die die Öffentlichkeit ergriff, ging es nicht allein um Lord Homes Ernennung zum Außenminister. Der Hauptalarm wurde dadurch ausgelöst, daß Macmillan, in dem die große Mehrheit der Wähler bisher einen bewundernswürdigen Premierminister gesehen hat, urplötzlich von einem Anfall jenes berufsbedingten Größenwahns ergriffen schien, der allenthalben politische Führer heimsucht, die sich ihrer Macht allzu gewiß sind. Macmillans Machtvollkommenheit bleibt heutzutage in England kaum hinter derjenigen des Generals de Gaulle in Frankreich zurück.

Als der Schatzkanzler den Wunsch äußerte, zurückzutreten, da dachte Macmillan nicht daran, bei der nun notwendig werdenden Umgruppierung des Kabinetts jüngere Kräfte zum Zuge kommen zu lassen. Er beschloß vielmehr – so wurde es von einer spitzen Zunge formuliert –, "sich selbst zu befördern". Er besetzte das Schatzkanzleramt (neuer Inhaber: Selwyn Lloyd) und den Sessel des Außenministers (der Tradition nach die beiden wichtigsten Staatsposten nach dem Premier) mit zwei Männern, die kaum etwas über ihr neues Arbeitsgebiet wußten und die, soviel steht fest, viel eher loyale Ausführende sind als Politiker, denen selbst etwas einfällt. Sogar Macmillans uneingeschränkte Bewunderer hegen Zweifel daran, daß es ihm gelingen könne, sowohl die Wirtschaft des Landes als auch seine Außenpolitik selber erfolgreich zu lenken – zumal vieles darauf hindeutet, daß es auf beiden Gebieten in diesem Herbst rauhes Wetter geben wird. So wächst selbst in der Konservativen Partei das Gefühl, des Premierministers Sorglosigkeit sei nachgerade beunruhigend.

Was die Ernennung von Lord Home anlangt, so wurde sie (nachdem feststand, daß es sich um keinen Scherz handelt) fast aus jeder Sicht heraus kritisiert. Der Mann selber, so liebenswert er ist, war bisher sogar den Mitgliedern seiner eigenen Partei im Unterhaus kaum bekannt, denn schließlich hat er ja während der letzten neun Jahre im Oberhaus gesessen. Niemandem wäre es im Traum eingefallen zu glauben, daß sich in diesem Politiker die Qualitäten eines britischen Außenministers verbergen könnten. Abgesehen davon, gab es zwingende Argumente gegen einen Außenminister, der aus dem Oberhaus stammt: die gewählten Vertreter des Volkes haben keine Gelegenheit, ihn direkt zu befragen; die wichtigen Reden im Unterhaus müssen von einem untergeordneten Beamten des Außenministeriums gehalten werden, während der Außenminister an anderem Orte zu einer Handvoll verschlafener Peers spricht; es entsteht ferner allzu leicht Verwirrung darüber, ob eigentlich der Premierminister oder der außenpolitische Sprecher im Unterhaus oder der Außenminister verantwortlich ist für die Entschlüsse, die heutzutage Tod und Leben der Bürger bedeuten können.