Als einer der größten Stromerzeuger der Bundesrepublik konnte die Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG, Dortmund, im Geschäftsjahr 1959 einen kräftigen "Schluck aus der Pulle" des wachsenden Energiebedarfs nehmen. Der konjunkturelle Aufschwung in der westdeutschen Wirtschaft hat den Stromverbrauch stark forciert, und die anhaltende Dürre des vorigen Sommers brachte vor allem den Steinkohlen-Kraftwerken noch zusätzliche Impulse. Die VEW, die mit ihrem hochindustrialisierten Versorgungsgebiet diesen neuen Boom besonders zu spüren bekam, zeigte sich auf Grund einer vorsorglichen Investitionspolitik den Anforderungen aber durchaus gewachsen.

Die nutzbare Stromabgabe insgesamt ist um nicht weniger als 25,2 vH auf 6.2 (4,9) Mrd. kWh gestiegen. Darunter rangiert die VEW-Landesversorgung mit einer Zuwachsrate von 15,5 vH, die bisher nur einmal – im Jahre 1951 mit einem Steigerungssatz von 22,6 vH – übertroffen wurde. Der Stromabsatz an die Verbrauchergruppe Verkehr wurde im VEW-Bereich sogar um 27,8 vH gesteigert. Auch die industriellen Abnehmer haben im Geschäftsjahr 1959 ihren Strombezug von VEW um 18,8 vH erhöht, wobei sich bei einzelnen Gruppen noch bedeutend höhere Zuwachsraten ergaben. Die sogenannten Kleinabnehmer, die mit 819,5 (741) Mill. kWh am VEW-Absatz beteiligt waren, haben ihre Anforderungen um 10,6 vH erhöht und damit allerdings die Steigerungsrate des Vorjahres nicht wieder erreicht.

In der Wertumsatzsteigerung, die mit 10,1 vH auf 528 (485,6) Mill. DM nicht unerheblich hinter der Mengenabsatzkurve herhinkt, zeigt sich, daß hauptsächlich diejenigen Verbraucher aktiver geworden sind, die den VEW-Strom wegen ihrer "hohen Ausnutzung zu einem entsprechend niedrigen Durchschnittspreis" beziehen können. Die Verwaltung weist auch noch auf eine im vergangenen Jahre durchgeführte Preissenkung für Sonderabnehmer hin, die aber nicht näher beziffert wurde. Von den Gesamterlösen entfiel auf das Stromgeschäft mit 465,5 (422,8) Mill. DM selbstverständlich die Hauptlast. Von den anderen, weniger bedeutenden Sparten des Unternehmens trug der Heizdampfabsatz 3,3 (3,1) Mill. DM, Gas 50,6 (51,1) Mill. DM. Wasser 1,8 (1,6) Mill. DM und sonstige 6,8 (6,9) Mill. DM zu dem Gesamtumsatz bei.

Die Zahlen der VEW-Erfolgsrechnung, die dankenswerterweise bereits das "reformierte" Gliederungsschema anwendet, können sich durchaus sehen lassen. Die Ertragslage des Unternehmens ist so gut, daß auch die im Geschäftsjahre 1959 weiterhin ungünstige Situation der VEW-Zechen Gottessegen und Alte Haase das Bild nicht zu trüben vermochten. Es verbleibt nach einer Zuführung zur freien Rücklage von 9,3 (1,4) Mill. DM ein Reingewinn von 21,9 Mill. DM, der gut und gern für eine 12prozentige Dividende auf das 182 Mill. DM betragende Kapital ausgereicht hätte.

Wenn sich die VEW-Verwaltung dennoch für die Aufgliederung in 10 vH Dividende und 2 vH Bonus entschlossen hat, so fehlt dafür eigentlich eine stichhaltige Begründung. Vorstandsvorsitzender Paul Sattler betonte in einer Pressekonferenz nach der nichtöffentlichen Hauptversammlung, die Verwaltung habe auf diesem Wege eine kontinuierliche Dividendenpolitik betonen wollen. Dieses Argument krankt jedoch – so scheint uns – an übertriebener Vorsicht; denn auch die weiteren Aussichten des Unternehmens sind ausgezeichnet. Warum also die Verbrämung eines – verdienten – Ausschüttungssatzes durch den Bonus? Wir möchten nicht annehmen, daß hierfür die Besitzverhältnisse der VEW eine Rolle gespielt haben; denn – einer guten Ertragslage braucht sich wohl auch ein Unternehmen der öffentlichen Hand keineswegs zu schämen! Die 135 Aktionäre der VEW sind ausschließlich Kommunen.

Für die nächsten Jahre rechnet das Unternehmen mit einem weiteren überdurchschnittlichen Anstieg des Energieverbrauchs. 750 Mill. DM wird VEW bis 1964 investieren, das ist fast so viel, wie in den Jahren 1948 bis 1958 insgesamt in diesem Bereich aufgewendet worden ist. Es darf wohl angenommen werden, daß die Rekordinvestitionen des Berichtsjahres von 142 Mill. DM – davon entfielen 90 vH auf die Stromerzeugung und -verteilung – nicht lange in einsamer Höhe bleiben werden. Vor der Presse erwähnte der Vorstand den in diesen Tagen vollzogenen Baubeginn eines neuen Kraftwerks auf der grünen Wiese, das zunächst zwei 150 MW-Blöcke erhalten wird, die auf längere Sicht auf 300 MW erweitert werden sollen.

Im vergangenen Jahre ist bei diesem Unternehmen der Eigenfinanzierungsanteil erstmalig auf etwa 50 vH (von vorher 75 vH) zurückgegangen. Die Verwaltung befürchtet ein weiteres Absinken der Eigenfinanzierung, wenn sich die Beschneidung der degressiven Abschreibungsmöglichkeiten auswirkt. Vermutlich wird sich daher die nächste Hauptversammlung mit der Frage einer neuen Kapitalerhöhung befassen müssen, für die wahrscheinlich wiederum ein Weg zu finden sein wird, der eine Beteiligung für die 135 VEW-Aktionäre "möglich und durchführbar" macht.