Die Bilanz der IG-Farbenindustrie AG in Abwicklung schließt zwar immer noch mit 193 Mill. DM ab, enthält aber keinen errechenbaren Überschuß mehr. Nach den Entflechtungsbestimmungen haben die Farben-Nachfolger an die alte IG i. A. aus deren Liquidationserlös einen Anspruch auf Kapitalausschüttung insgesamt bis zu 135 Mill. DM. Hierauf haben sie bereits 72 Mill. DM erhalten, so daß sie insgesamt noch 63 Mill. DM, sofern diese anfallen, erwarten können. Einen entsprechenden Vorschuß haben die Nachfolgegesellschaften bereits bekommen; er steht mit 65 Mill. DM als Forderungen an sie in der Bilanz. Der bedeutsamste Gegenposten: 54 Mill. DM Verbindlichkeiten gegenüber Konzernunternehmen. Es handelt sich um ein Darlehen der Ammoniakwerke Merseburg GmbH, einer 100prozentigen Tochter der IG. AWM hat im vergangenen Jahr den Sitz nach dem Westen verlegt; es wurden für sie Vorstandsmitglieder bestellt. Dadurch wird es möglich, Ausschüttungen aus dem Westvermögen der AWM an die IG i. A. vorzunehmen. Soweit ist es aber noch nicht. Der gesamte Komplex ist noch nicht bereinigt; vor allem sind Steuerfragen offen. Eines steht fest: Ohne Ausschüttung der AWM können die Kapitalausstattungsansprüche der Nachfolgegesellschaften nicht erfüllt werden. Hier ist daher das Kernstück der restlichen Entflechtungsmaßnahmen zu suchen. Alles andere ist Rankenwerk.

Sicherlich, die Aktiva enthalten noch einige Reserven; sie sind allerdings nicht all zu hoch. Das gleiche gilt für den wichtigsten Posten der Passivaseite, d. h. von den Rückstellungen, die in der Bilanz 1959 mit 133,5 Mill. DM zu Buche stehen.

Die Liquidatoren unterteilen diesen Posten in drei Gruppen.

1. Rückstellungen für verschiedene Verpflichtungen und Risiken. Er beträgt 57 Mill. DM. Nur zwei Unterposten in einem Gesamtbetrag von etwa 25 Mill. DM enthalten nach Auffassung der Liquidatoren noch Reserven.

2. Steuerrückstellungen im Betrage von 31 Mill. DM. Die IG i. L. kommt jetzt ans Steuerzahlen. Bereits 1959 hat sie 30 Mill. an das Finanzamt abgeführt. (1958 waren es nur 3 Mill. DM.) Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß bei Auflösung von Rückstellungen, aber auch bei der Aktivierung stiller Reserven, so z. B. beim Verkauf von Aktien und Beteiligungen, die Buchgewinne versteuert werden müssen.

3. Rückstellungen für Abwicklungsverluste und Steuerrisiken. Bisher hatte die in Abwicklung befindliche IG gute Einnahmen, vor allem aus dem noch nicht zur Ausschüttung gelangten, aber bereits in eine liquide Form überführten Vermögensteile. Damit ließen sich Unkosten und auch Verluste, wie sie bei einer Liquidation immer vorkommen, decken. Nachdem aber in den letzten Jahren an die Nachfolgegesellschaften auf ihre Kapitalausstattungsansprüche größere Ausschüttungen erfolgt sind, denen weitere folgen werden, ändert sich die Situation. Es ist durchaus möglich, daß auf diese Rückstellung zurückgegriffen werden muß. Es gilt dies vor allem im Hinblick auf die nach wie vor ungeklärte Steuersituation. Die IG-Liquidatoren hatten seinerzeit mit dem Finanzamt ein Pauschalabkommen getroffen. Hiernach hatten sie 30 Mill. DM gezahlt, und damit die Versteuerung aller Entflechtungsgewinne abzulösen. Es schien lange so, als ob alles in Ordnung sei. Bereits 1958 aber zeigte sich, daß die Finanzbehörde unter Entflechtungsgewinne etwas anderes versteht als die Liquidatoren.

Was am Ende aus der Rechnung herauskommt, weiß niemand; möglicherweise erhalten die Nachfolgegesellschaften nicht ihre volle Kapitalausrüstung; vielleicht aber bleiben auch einige Mill. DM für die Liqui-Inhaber übrig. W. R.