Von Walter Jens

Sehr seltsam: kein Epiker, kein Romancier von Rang, sondern ein Lyriker, ein Mann namens Enzensberger, hat als erster unsere Wirklichkeit, das Nachkriegsdeutschland, im Gleichnis der Poesie fixiert. Nicht die Realisten des vergangenen Jahrhunderts, Balzac oder Tolstoi, sondern die großen Didaktiker längst vergangener Epochen, Lukrez, Horaz und Juvenal, erwiesen sich als taugliche Helfer bei dem Versuch, die Gegenwart zu porträtieren. Der seit langem ersehnte Zeitroman entpuppt sich als Lehrgedicht und Satire, das Epos verwandelt sich in eine zornige Ode –

Hans Magnus Enzensberger: "Landessprache"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 104 S., 7,20 DM.

Drei große politische Traktate – das Zeitgedicht "landessprache", die elegische Bilanz "schäum" und die Beschwörung "gewimmer und firmament" – umrahmen 34 kurze lyrische Zeichen, Bestandsaufnahmen, Gleichnisse und Oden. Der Tenor des Ganzen ist pathetisch und präzis zugleich; barocke Bilder paaren sich mit den termini technici der industriellen Welt; neben der hymnischen Ekstase, neben messianischen Prophetien, gesungen zu Eliots Aschermittwochs-Melodie, stehen satirische Zwerganspielungen, Zitatennester, Zeitverweise.

Enzensberger schreibt Zeitgedichte – und beruft sich auf Lukrez. Er reiht mit berserkerhafter Emphase die groteskesten Bilder aneinander – und lächelt dazu. Er nimmt die Positur Savonarolas ein – und nennt seine zornigen Schreie: Gebrauchsgegenstände. Er plündert das Arsenal der Umgangssprache, spricht von Tarifpartnern, Wellpappe, Cellophan, Plombierzange, Schlußverkauf, Nahkampfspangen, von "geigerzählern und alten meistern" – und bettet das ganze Vokabular, Jargon-Abfall und Cockney-Splitter, in Zusammenhänge, die den zerkauten Alltagsworten unversehens neue Bedeutung geben, sie gleichsam denunzieren und zur enthüllenden Selbstbezichtigung zwingen.

Mit sachlicher Miene – der Flaubert-Schüler handhabt seine Anatomie-Gerätschaften – gelangweilt beinahe, werden in diesem Bande die schrecklichsten Wahrheiten verkündet, wird attackiert und gefleht, werden die Dinge beim Namen genannt: im Leihwagen schaukeln Päpste vorüber, mit dem Gesangbuch töten sich leitende Herrn, Beichtzettel und Schecks regieren die Stunde.

Wie leicht könnte das alles zur Travestie werden, zum Leitartikel und zum Illustriertendeutsch; nur ein winziger Schritt, und man verfällt – kommunistische zimmerlinde und christliches Schnitzel – unversehens einem Traktatstil. Enzensberger aber entgeht der Gefahr: auszusagen statt zu verwandeln, indem er Leitworte schafft, Grube, Asche, Firmament, deren schillernde Vielschichtigkeit der starren und erst im Zusammenhang wandelbaren Bedeutung des terminus technicus, Zollaufsichtsbehörde, Bundeswehr, koma entgegenwirkt.