Von Hermann Kesten

Es gibt etwa fünfzig – oder hundert? – nam-

hafte lebende deutsche Schriftsteller, die regelmäßig Romane veröffentlichen. Manche schreiben einen Roman, weil sie eine Geschichte erzählen wollen und sich nicht kurz fassen können, da ein Motiv sie zum andern, eine Figur zur andern, ein Wort zum andern führt. Andere schreiben in einer Art Wortrausch. Andere wollen ein Zeitalter, eine Epoche, eine Gesellschaft, eine Idee darstellen. Es gibt die Biographen der Hauptfiguren oder die in den Roman verirrten Autobiographen. Manche finden in der ganzen Welt nur Nebenfiguren.

Es gibt die Botaniker des Romans, die Physiker, die Natur- und Stadtmaler, die Kehrichtsammler und die Pseudotheologen, die Stellvertreter Gottes und die Kriminal-Epiker, die Humoristen, die Soziologen, die Pamphletisten. Man findet zur Prosa verdammte Lyriker und theaterfeindliche Dramatiker, auch Aphoristiker, die sechshundert Seiten für einen Aphorismus brauchen, der zuweilen nicht einen Satz lohnte. Es gibt die Pseudophilosophen, die epischen Traktätchenverfasser, die Kosmologen, die Idylliker, die Tragöden, Komödianten und die epischen Verfolgungswahnsinnigen, die Anekdotenerzähler, die Parodisten, die ins Erzählen geratenen Essayisten. Auch wimmelt es unter den Romanciers von Dilettanten, Literaturfabrikanten, schreibwütigen Narren und Sexualpathologen. Alle schreiben Romane. Jeder hat seinen guten Grund dafür, oder viele Gründe, oder keinen.

Und warum schreibt Robert Neumann? Ohne Mühe kann man seine beiden Romane

Robert Neumann: "An den Wassern von Babylon" – "Treibgut"; Verlag Kurt Desch, München; 548 S., 18,80 DM

hintereinander als eine zusammenhängende Geschichte lesen; denn die Figuren beider Romane gehören zur selben Welt, erleiden ähnliche Schicksale. Sie sind Treibgut und saßen alle im Exil, an den Wassern von Babylon. Beide Romane verraten den Geschichtenschreiber, dem jede Geschichte trotz oder wegen seiner epischen Eile und erzählerischen Dauerlauftechnik ins Breite gerät.