R. N., London, Anfang August

Die britische Kabinettsumbildung wird in Londoner Wirtschafts- und Finanzkreisen mit betonter Zurückhaltung kommentiert: Ob sie als Stärkung der Regierung gelten dürfe, bleibe abzuwarten. Vom neuen Schatzkanzler Selwyn Lloyd weiß man einstweilen nur, daß er als Außenminister zwar ein guter Administrator und Verhandlungstaktiker war, aber vom Premierminister überschattet worden ist. Für die ihm nun gestellte neue Aufgabe bringt er kaum Erfahrung mit.

Schon taucht deshalb die Vermutung auf, daß sich der Premierminister, nachdem es nicht länger ost-westliche Gipfelkonferenzen zu organisieren gilt, jetzt intensiver mit den Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik befassen wolle, wozu er in dem betreffenden Ressort einen Minister brauche, der es gewohnt ist, nach seiner Pfeife zu tanzen. Von Macmillan selber glauben manche Beobachter, daß er ein "Inflationist" sei und der Auffassung huldige, ein leichtes, aber stetes Maß an Geldentwertung fromme dem allgemeinen Wohlergehen.

Das alles sind natürlich noch sehr vage Spekulationen. Aber das vom Premierminister getroffene neue Arrangement scheint zu bestätigen, daß Macmillan seit dem Debakel der Gipfelkonferenz den Aufgaben der Europapolitik größeres Gewicht beimißt – was, angesichts seines Regierungsstils, eine weitreichende Einflußnahme auch auf das Schatzamt bedingt. Wenn Mr. Heath – nunmehr Foreign-Office Sprecher im Unterhaus und ein ebenso ergebener Freund des Premiers wie der neue Außenminister Lord Home – den besonderen Auftrag erhielt, "die europäischen Angelegenheiten in allen ihren Aspekten" wahrzunehmen, so geht daraus hervor, daß die politischen Aspekte nicht mehr so scharf wie bisher von den wirtschaftlichen geschieden und Außenministerium und Schatzamt zu besserer Zusammenarbeit veranlaßt werden sollen.

Die Vermutung, Macmillan werde künftig denselben persönlichen Einfluß auf die Handels- und Wirtschaftspolitik auszuüben versuchen, den er schon auf die Außenpolitik ausgeübt hat, scheint also nicht vollkommen abseitig. Der Premier ist wirtschaftspolitisch rege interessiert und war selbst mehr als eineinhalb Jahre lang Finanzminister.

Die jüngste Unterhausdebatte hat jedoch klargestellt, daß England zu neuen Verhandlungen über einen modus vivendi zwischen EWG und EFTA, der wohl nur als Zollunion denkbar ist, von den sechs Ländern ausdrücklich eingeladen zu werden wünscht. Die britische Regierung wird sich also vorderhand auf die im September in Genf beginnende GATT-Konferenz und damit jene Runde weltweiter Zollkonzessionen konzentrieren, welche die Diskriminierung innerhalb Europas mildern soll.

Daß Peter Thorneycroft (der 1957 als Schatzkanzler zurückgetreten war, weil das Kabinett sich geweigert hatte, in ein wohlüberlegtes Ausgaben-Moratorium einzuwilligen) jetzt von Macmillan wieder in die Regierung geholt wurde, findet in der City einmütigen Beifall. Man vermutet manchenorts, seine nunmehrige Verwendung als Luftfahrtminister werde in nicht allzu langer Zeit durch eine Beauftragung mit wichtigeren Dingen abgelöst werden.