Was einst die delphischen Orakelsprüche waren, sind heute die Ergebnisse der Meinungsbefragung. Auch sie werden eifrig gedeutet. Lange schon sind die Auguren der CDU Stammkunden in Allensbach und anderen demoskopischen Orakelstätten. Inzwischen ist auch die SPD ihren Spuren gefolgt. In ihren Parteidienststellen werden mit wachsendem Interesse die Popularitätskurven von Willy Brandt und Konrad Adenauer verglichen. Auch wird dort erörtert, wer aus dem Führungsstab der Partei als besonders attraktives Leitbild gilt.

Unter dem Eindruck solcher Befragungen hat sich die SPD offensichtlich entschlossen, ihre Propagandamethoden im Bundestagswahlkampf zu revolutionieren. Schon hat sie, was freilich noch eines Beschlusses des Parteirats bedarf, ein Elfer-Team von prominenten Politikern zusammengestellt, sozusagen die Nationalmannschaft für den nächsten Bundestagswahlkampf. Sie hört es freilich nicht gern, wenn dieses Team als "Schattenkabinett" bezeichnet wird; aber sie gibt zu, daß jedes der elf Mitglieder ministrabel sei.

An der Spitze steht der publikumswirksame, photogene Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt. Die anderen sind: Professor Carlo Schmid, Fritz Erler, der Wirtschaftsexperte Heinrich Deist, der Bürgermeister von Hamburg, Max Brauer, Wenzel Jaksch, der weithin bekannte Vertreter der Vertriebenen, der Ministerpräsident von Hessen, August Zinn, der ehemalige Regierungschef von Nordrhein-Westfalen, Steinhoff, Alex Möller aus Baden-Württemberg, Willi Richter vom DGB und Frau Käte Strobel. Sie verkörpern Schattierungen der Parteipolitik mit mehr oder weniger landsmannschaftlichem Einschlag. Auch die SPD hat nun erkannt, daß es dem Wähler von heute nicht so sehr auf Thesen, als auf Persönlichkeiten ankommt, die seiner nach Vereinfachung drängenden Begriffswelt als symbolträchtige Repräsentanten eines Programms erscheinen.

Die alten Funktionäre der Partei mögen sich ob solcher Vereinfachung die Haare raufen. Aber die Parteiführung ist anscheinend fest entschlossen, dem Publikumsgeschmack diese Konzessionen zu machen. Eine besondere Attraktion für die junge Generation, so kalkuliert offenbar die SPD, ist der 46jährige Willy Brandt. Die Partei geht davon aus, daß die jüngere Generation – und vielleicht auch die älteren – "junge" Männer an verantwortlichen Posten sehen wollen. Die letzten Kommunalwahlen in Bayern haben diese Tendenz bestätigt, und schließlich sind auch die beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten relativ "junge Männer". Die Nominierung Brandts mag also für die CDU nicht ungefährlich sein.

Freilich sind die Positionen der CDU so leicht wohl nicht zu erschüttern. In den zwölf Jahren ihrer Regierung hat sich der Staat gefestigt und die Wirtschaft hat große Fortschritte gemacht. Eine Partei, die solche Erfolge in ihrer Propaganda zunutze machen kann, ist nicht leicht zu schlagen. Schließlich würde sich die FDP, falls sie das Zünglein an der Waage werden sollte, zweifellos für die Partnerschaft mit der CDU und nicht mit der SPD entscheiden. Robert Strobel