RH-Hamburg

Was für ein Glück, daß wir den guten Unterbau haben", sagt eine Hamburger Dame, legt auf die regennasse Bank am Tennisplatz ein Reisekissen, setzt sich und ist schon im nächsten Augenblick nicht mehr zu sprechen.

Nur Fremdlinge können das mitgebrachte weiche Kissen für den erwähnten guten Unterbau halten. Aber Fremdlinge gibt es wenige bei den Internationalen Tennis-Meisterschaften von Deutschland, die in den ersten zehn Augusttagen auf den Plätzen am Rothenbaum ausgetragen werden. Die meisten sind Stammgäste und sie kennen den Ruhm des guten Unterbaus der Courts. Er läßt auch nach stärksten Regengüssen die Plätze bald wieder trocknen.

Ebenso wichtig ist hier der "Unterbau" von altem Ruhm und Tradition. Seit 1892 finden (in diesem Jahr zum 53. Male) in Hamburg die Internationalen Meisterschaften von Deutschland statt. Und immer sind die Teilnehmer "aus allen Ländern" gekommen. Nur gab es früher Länder, "die zu weit weg waren", wie es auf Hamburgisch heißt. Weit weg war zum Beispiel Australien. "Noch nie hat Europa so viele Sportsleute aus dem Lande des Känguruhs empfangen", liest man diesmal im stattlichen Programmheft des Turniers. Sicherlich ist das Känguruh ein ganz geeignetes Vorbild für einen Tennisspieler.

Schwierig war es diesmal, die fünfzig Balljungen und -mädchen zusammenzubringen, die in den traditionell verschossenen grünen Trikots und Shorts den weißen Helden die Bälle aufsammeln. Die Triebfeder der "Heldenverehrung" ist, so scheint es, schwach geworden. Jedenfalls arbeiten diese wichtigen Hilfskräfte, im Gegensatz zu Turnierausschuß und Turnierstab, nicht ehrenamtlich, sondern für eine Deutsche Mark pro Stunde. Ob sie es mit oder ohne Begeisterung tun, ist schwer zu sagen. Sie sind aus Hamburg und geben sich sachlich.

Die Zuschauer – in den ersten Tagen kommen fast dreitausend, in den entscheidenden letzten bis zu sechstausend – sind sachverständig. Ihre Köpfe gehen wie Metronomzeiger mit den Bällen hin und her. Sympathien für den einen der Spieler hindern sie nicht, dem anderen zu applaudieren, wenn er gut spielt. Die jungen Zuschauer möchten die jungen Spieler siegen sehen, die Erwachsenen die "alten". "Er ist eben alt", sagt eine Sechzehnjährige kühl, als ein Berühmter, 36 Jahre alt, von einem Neunzehnjährigen geschlagen wird. Was wird sie erst sagen, wenn sie Borotra, einst "der fliegende Baske"‚ jetzt zweiundsechzig Jahre alt, im Herrendoppel sieht? Er ist der älteste Gast des Turniers.

Apropos Gäste: Das Turnier ist nicht billig. Weit über hunderttausend Mark müssen einkommen, sollen die Unkosten gedeckt werden. Jedoch: was hier in Hamburg Tradition hat, darf etwas kosten. Da fragen selbst Hamburger Kaufleute nicht, ob etwas wirtschaftlich ist. Sie fühlen sich für das Hamburgische verantwortlich – selbst für das Wetter, auf dessen Konto allein ein Defizit zu setzen wäre. Ihr Förderungsverein springt notfalls ein.

Aber vorläufig regnet es nur vormittags, und wenn mittags die Zuschauer kommen, ist alles versickert – dank des guten Unterbaus.