Eine Antwort, ein paar Fragen und ein Appell an Willy Brandt

Von Ernst Lemmer

Wahrscheinlich ging es vielen ZEIT-Lesern ebenso wie mir: ein Artikel des Regierenden Bürgermeisters von Berlin mit der Überschrift "Man könnte mehr tun", geschrieben angesichts der deutschen Spaltung und dem Schicksal der 17 Millionen jenseits der Zonengrenze, zog mich unwiderstehlich an. Ich hatte die Hoffnung, hier seien nun endlich einmal Gedanken zu finden, wie man unseren Landsleuten in ihrer Not helfen könne – wobei für mich, zugegeben, immer das etwas verwirrende Gefühl hinzukommt, daß wir in der Bundesregierung womöglich in den letzten Jahren Gelegenheiten versäumt hätten, die wir nun spät, aber vielleicht noch nicht zu spät, erkennen sollen.

Man wird sich also vorstellen können, mit welchem Interesse ich den Artikel gelesen habe, der am 22. Juli mit dem Namen Willy Brandts als Verfasser in der ZEIT erschienen ist. Denn in diesem Fall kam ja noch, etwas Besonderes hinzu: Willy Brandt ist nicht nur als Regierender Bürgermeister von Berlin ein genauer Kenner der deutschen Verhältnisse, sondern er wurde auch gerade in diesen Tagen zum Kanzlerkandidat der sozialdemokratischen Partei erklärt.

Was uns als Lesern der ZEIT hier versprochen wurde, war also nicht nur die Meinung eines Fachmannes, sondern zudem auch noch die Meinung eines Politikers, der in die Lage kommen will, seine Ansichten in die Wirklichkeit umzusetzen.

Seufzer der Enttäuschung

Wenn Willy Brandt sagt, daß wir endlich selbstbewußter werden und das kommunistische System in seiner Unzulänglichkeit und seiner hoffnungslosen Rückständigkeit angreifen sollten, finde ich das völlig richtig. Und ich stimme ihm auch zu, daß dabei bisher nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt worden sind. Man braucht sich nur einmal vorzustellen, was wir bereits seit Jahren hätten ausrichten können, gäbe es schon einen "Deutschlandfunk", wie er von der Bundesregierung immer wieder gefordert worden ist.