Durch Havana dröhnt der Marschtritt der Miliz – Eine kleine Insel schwimmt in die große Politik

Von Egon Vacek

Havana, Ende Juli

Die Zuhälter am Prado, der Lebeweltstraße der kubanischen Metropole, drückten sich scheu in die Haus- und Geschäftseingänge. Der Gitarrenspieler, der gerade – für einen Dollar – begonnen hatte, einen Calypso für mich zu zupfen, ließ das Instrument sinken. Er zögerte einen Augenblick, sah mich dann traurig an und meinte: "Entschuldigen Sie, Senor, aber die Miliz kommt." Kinder und Frauen und die wenigen fremden Umherschlenderer, die es zur Zeit noch in Havana gibt, stellten sich an den Straßenrand. "Die Miliz kommt, die Miliz kommt", riefen die Kinder. Es ist gegen zehn Uhr abends und noch immer so feuchtwarm, daß schon beim untätigen Stehen der Schweiß zu rinnen beginnt.

Die Miliz kommt. Sie kommt zurück von einer Übung vor den Toren der Stadt: Arbeiter aus den Betriebsgruppen, Angestellte, Studenten, Frauen vor allem, viele Frauen und alle in durchschwitzten, olivgrünen Leinenuniformen. Einige tragen Gewehre oder Pistolen, andere lange Hackmesser, wie man sie für die Zuckerernte hier verwendet, wieder andere haben nur Stöcke.

Castros "Heldengedenklied"

"Uno, dos, tres cuatro-Fi-del-Ca-stro" rufen sie zum Marschtritt. Ein farbiger Armee-Sergeant treibt die Kolonne an, die das Lied anstimmt, das man zur Zeit auf Kuba am häufigsten hört, den "Marsch des 26. Juli", Fidel Castros "Heldengedenklied" für den ersten erfolglosen Putsch gegen den Diktator Batista: "Adelante cubanos" – Vorwärts Kubaner.