Wer gegenständlich sieht, kämpft eine verlorene Schlacht gegen den Zeitgeist

Von Hoimar v. DitTurth

Galt es vor nicht gar zu langer Zeit noch als verläßliches Indiz eines "gesunden Empfindens", wenn man zugab, mit den Produktionen der modernen ungegenständlichen Kunst "nichts anfangen" zu können, so hat sich das in letzter Zeit doch sehr geändert. Heute tut gut daran, sich in aller Stille und heimlich zu schämen, wer ehrlich genug ist, sich einzugestehen, daß sein Gemüt nicht bereit oder fähig ist, jene Empfindungen durch ein abstraktes Bildwerk "evozieren" zu lassen, deren legitime Qualität bei Werner Haftmann nachzulesen ist.

Auf der Suche nach einer Autorität, die ihm in dieser Lage Absolution erteilen könnte, mag es dem Betrachter einfallen, sich auf Sedlmayr zu berufen. Aber wir waren ja davon ausgegangen, daß der solcherart Absolution Bedürftige nicht nur verständnislos, sondern auch ehrlich sei. Auch hier nun führt diese Tugend in Verlegenheit: Es beruhigt zwar – und kann vor musischen Minderwertigkeitskomplexen bewahren –, wenn man von Sedlmayr erfährt, daß abstrakte Kunst keine Kunst sei. Ehrlichkeit zwingt hier jedoch zu dem weiteren Eingeständnis, daß die Feststellung dessen, was moderne Kunst nicht ist, die Antwort darauf schuldig bleibt, was sie denn ist.

Sedlmayr geht von den überzeitlichen Formen dessen aus, was bisher in der Menschheitsgeschichte als Kunst galt. Seine Schlußfolgerung, daß die Produktionen der Abstrakten Nicht-Kunst seien, ergibt sich angesichts dieser Voraussetzung einfach aus den Gesetzen der Logik. Sie besagt aber, entgegen Sedlmayrs Ansicht, natürlich nichts weiter, als daß sich der Hang zur ungegenständlichen Darstellung, der den zeitgenössischen Nachfolger des konservativen Künstlers so stark in seinen Bann zieht, offenbar aus anderen, neuen Quellen speist. Über deren Natur – und Rang – wird durch die negative Definition Sedlmayrs nicht entschieden. Die Absolution kann nicht erfolgen.

Die Kluft, die den abstrakten Künstler von dem Verständnis seines Publikums trennt, nun durch psychologische, philosophische oder geistesgeschichtliche Erklärungen wenigstens technisch zu überbrücken, ist bisher nicht gelungen. Die Vielzahl der Antworten auf die scheinbar simple, tatsächlich entscheidende Frage: "Warum malen sie abstrakt?" zeigt nur, daß die Erklärung noch nicht gefunden wurde.

Die neue Wirklichkeit ist nicht mehr anschaulich