Von Martin Beheim-Schwarzbach

So arg die politischen Spannungen in der Welt auch sind – hier geht es nicht um Politik, sondern um die Frage: ob da Hexerei im Spiel ist oder was eigentlich ...

Zehn russische und zehn bundesdeutsche Schachspieler sitzen einander zu friedlich-verbissenem Mannschaftskampf in Hamburg gegenüber. Von den zehn Russen sind sieben gehobene russische Durchschnittsmeisterklasse, drei aber, nämlich die Herren Tal, Keres und Petrosjan, internationale Sonder-, Spitzen- und Großmeisterklasse; die Deutschen sind alle hiesige höchste Spitzenklasse.

Nun, und die Feuerprobe? Sie ist beunruhigend ausgefallen, wenn auch nicht überraschend; denn ihr Resultat ist wie ein. Schachmanöver vorauszusehen gewesen. Die Russen sind mit ihrer zusammengesetzten Spitzen- und Durchschnittsmasse der deutschen Spitzenklasse weit überlegen. Sie haben eine Tabelle von 51 : 1’3 erzielt. Ihre Spitzenleute haben Sieg auf Sieg gehäuft, die anderen Siege mit halben Punkten (für unentschiedene Partien) gemischt; die Unsrigen hatten Grund, über jedes Unentschieden zu frohlocken, und nur dreimal gelang ihnen eine volle eins (den Russen 41mal!).

Analysiert man die Partien, so kann man natürlich keinerlei Hexerei nachweisen, es sei denn, man statuiert, daß jede tadellos und meisterlich geführte Mattsetzung eine Hexerei genannt werden kann. Das Schwanken zwischen Gewinn und Verlust ist im Schach oft eine geheimnisvolle Angelegenheit. Die führenden deutschen Meister haben zweifellos nicht ihr Bestes gegeben, jedenfalls im Durchschnitt; sie-haben teils direkte Fehler, Verrechnungen und Übersehen, teils gefühlsmäßige Urteilsunsicherheiten gezeigt, die sie "unter sich" nicht begangen hätten. Also Befangenheit?

Man kann es kaum anders nennen; aber beim Gegner Befangenheit und Zaghaftigkeit zu erzeugen, ist auch Hexerei. Ein Nimbus fällt auf geistigem Gebiete noch schwerer ins Gewicht als etwa beim Sport. Die Russen gelten heute der ganzen übrigen Welt gegenüber als erste Klasse, hinter der bis zur sonstigen internationalen Spitzenklasse ein erheblicher Abstand klafft. Sie gehen aus einer riesenhaften Auswahl hochbegabten "Materials" hervor, und zwar unter großzügiger und intensiver Förderung durch einen totalitären Staat, dem jegliche Erziehungs- und Förderungsmittel zur Verfügung stehen. Die Auswahl hierzulande dagegen ist mühselig und karg, sie beruht auf wirtschaftlich vielfach gehemmtem, privatem, auch durch Zufälle bestimmtem Ermessen. Es war eine großartige, höchst anerkennenswerte Geste des Hamburger Kultursenators, als er dieses Schachtreffen ausdrücklich patronisierte; in Rußland wäre dies eine Selbstverständlichkeit.

Am krassesten läßt sich das kaum erklärbare Geheimnis des Schacherfolges an dem erst 23jährigen Weltmeister Michael Tal exemplifizieren. Er gestattete nur einem einzigen seiner Gegner ein Unentschieden und besiegte alle anderen, und zwar alle in einem Stil "Katze und Maus". Er "spielte" buchstäblich mit ihnen, auf die denkbar überlegendste Manier; und sie alle unterlagen der Suggestion, daß sie gegen diesen jungen Hexenmeister nichts zu bestellen hätten. Nicht, daß er sich irgendwo hätte gehenlassen, wie man es gegen einen Gegner tun mag, den man verachtet. Dazu ist Tal ein viel zu fairer Mensch und Kämpfer. Er setzt immer seine volle Kraft ein, und wenn er hazardiert, weil er eine echte Spieler- und Künstlernatur ist, viel mehr als ein wissenschaftlicher Denker, so handelt er haargenauso den größteil Gegnern gegenüber, wie er in seinem Match gegen Botwinnik bewiesen hat. Vielleicht ist es seine phänomenale Furchtlosigkeit, die seine Gegner in Schrecken versetzt.