Die Mitglieder des Bundesanleihe-Konsortiums haben den Widerstand gegen den Blessing-Plan aufgegeben und werden – wenn auch teilweise unter vorsichtigem Protest – in diesem Monat eine halbe Milliarde DM Schatzanweisungen übernehmen. Also eine mildere Form der Mindestreservenerhöhung! Aber sie hat die Erholung bei den festverzinslichen Papieren nicht unterbrochen, die auf Hoffnungen basiert, daß der Zins in der Bundesrepublik nicht weiter steigen wird. Dabei fußt man auf die Erklärung des Bundesfinanzministers, daß mit einer weiteren Diskonterhöhung nicht zu rechnen ist. Die Bundesbank, zuständig für die Notenbankpolitik, hat dieser Feststellung nicht widersprochen. Dennoch ruht die freundlichere Tendenz am Rentenmarkt zunächst weiterhin auf einem rein spekulativen Fundament. Immerhin hat in den letzten Tagen ein Ausverkauf bei den neuen 7prozentigen Pfandbriefen stattgefunden. Das Angebot an 6prozentigen Pfandbriefen hat sich erheblich verknappt, so daß die Kurse ohne Umsätze herauf gesprochen wurden.

Die wachsende Nachfrage nach festverzinslichen Werten läßt den Schluß zu, daß ein Teil der Wertpapierbesitzer bei den Aktien erzielte Kursgewinne dazu benutzt, festverzinsliche Papiere zu erwerben. Diese Umschichtungen haben vorläufig noch Leinen großen Umfang angenommen, aber zu der Beruhigung am Aktienmarkt wesentlich beigetragen. Die Mehrzahl der Aktienbesitzer ist vorläufig noch nicht bereit, sich von ihren Papieren zu trennen, die ihnen in der Vergangenheit so beachtliche Erfolge eingetragen haben. Nach Abflauen der allgemeinen Hausse, die Anfang Juli ihren Höhepunkt erreicht hatte, scheinen vielfach Bestandsaufnahmen gemacht zu werden. Der Rechenstift kommt wieder zu seinem Recht. Weniger allerdings zum Ausrechnen der Rendite als zum Auskundschaften von Papieren, bei deren Wachstums-Aussichten bestehen. Der Aktienbesitzer, früher in erster Linie auf eine gute Dividende und auf eine sichere Anlage bedacht, ist spekulativer geworden. Bei ihm herrscht der Wunsch vor, am Kurs zu verdienen.

Nur so ist die überraschende Aufwärtsbewegung bei den Maschinenbauaktien zu erklären, die inzwischen allerdings ihr vorläufiges Ende gefunden hat. Sie setzte sich fort bei einigen Werftaktien und riß dann erneut die Kurse der Automobilwerte und die der Kraft fahrzeug-Zulieferanten nach oben. In den meisten Fällen handelt es sich um Papiere mit engem Markt, wo bereits eine relativ geringe Nachfrage genügt, um die Kurse um 100 Punkte und mehr nach oben zu bringen.

Unberührt von der im allgemeinen freundlichen Tendenz blieben die Montanaktien. Trotz der günstigen Berichte, die von den Eisen- und Stahlkonzernen am laufenden Band veröffentlicht werden, kann sich die Börse für diese Papiere nicht erwärmen, obwohl sie an der Spitze der Renditentabelle rangieren. Aber Montanaktien sind ohne Phantasie. Was heißt eine Rendite von 5 vH, wenn man gleichzeitig bei anderen Papieren innerhalb eines Jahres 50 vH und mehr am Kurs verdienen könnte? Die "Wachstums-Chancen" sind überdies gering, denn umwälzende Erfindungen bei Eisen, Stahl und Kohle, die Sondergewinne einbringen können, sind kaum zu erwarten. In den USA ist die Stahlkapazität nur zur Hälfte ausgenutzt. Die Entwicklungsländer bauen sich Stahlwerke und verschlechtern damit die Exportchancen. Das sind Argumente, die in den Börsensälen immer wieder zu hören sind, wenn es um die Zukunft der Montanaktien geht. Kein Wunder also, wenn sich der Montan-Aktionär von seinen Papieren trennt, obwohl sie an der Hausse kaum teilgenommen haben und deshalb keinesfalls als überhöht gelten können. Die ständigen Tauschoperationen, sowie der Umstand, daß bei den Banken noch größere Bestände junger Montanaktien aus den letzten Kapitalerhöhungen lagern, die bei steigenden Kursen sofort in den Markt geworfen werden, haben bislang den Anschluß der Montan-Kurse an die der Elektro- und Chemieindustrie verhindert. Kurt Wendt