Luxusreise zu Pauschalpreisen – Touristisches Treiben – Irrfahrt in der Ägäis – sehr sorgfältig geplant

Von Eka v. Merveldt

Das östliche Mittelmeer ist ein Meer der Touristen; auch große deutsche touristische Unternehmen, Touropa, Hapag-Lloyd, Deutsche Flugtouristik, Dr.-Tigges-Fahrten, Mediterrania, Gesellschaft für akademische Studienreisen, Trans-Air bringen allwöchentlich ihre Gäste dorthin zu ein-, zwei-, dreiwöchigen Kreuzfahrten. Zum erstenmal haben das Unternehmen Touropa, deren aktiver Chef Dr. Carl Degner in diesen Tagen 60 Jahre alt geworden ist, und die Deutsche Flugtouristik in diesem Jahr eine achttägige Ägäis-Kreuzfahrt "Auf Odysseus Spuren" mit der Luxusjacht "Stella Maris" ab Piräus zu Pauschalpreisen angeboten. Jedermann, der etwa 2000 Mark für eine kurze Ferienreise ausgeben will, kann sich diesen hübschen Luxus erlauben, wobei man die Fahrt ganz harmlos im Touropa-Expreß beginnen kann, die dann immer luxuriöser wird. In Venedig steigen die Gäste in das jugoslawische Charterschiff "Jedinstvo" um, das eine Rundfahrt über Dubrovnik – Korfu – Piräus – Rhodos – Itea (Delphi) macht, und ab Piräus ist die Luxuskreuzfahrt mit der "Stella Maris" möglich, die nach Kreta – Rhodos – Kusadasi (Ephesus) – Istanbul und Delos/Mykonos führt. Dem Reisenden wird also auf dieser Doppelkreuzfahrt Rhodos zweimal beschert.

Mittwoch. Auf See. Das jugoslawische Schiff ist kein schwimmendes Hotel, sondern eine gemütliche Familienpension (3000 BRT). Auf dem Sonnendeck, auf dem A- und B-Deck liegen am ersten Morgen eng gedrängt, fast ganz entkleidet die Wildfremden nebeneinander wie am Wannsee. Ohne Scheu, ohne Hemmung. Man spricht Deutsch. Der Kapitän pflügt durch die hübsche Inselwelt der dalmatinischen Küste. Als er merkt, daß die Passagiere neugierig von Luv nach Lee eilen, um mehr von dem jugoslawischen Inselleben zu sehen, macht ihm die Sache Spaß. Souverän wie er in diesen Gewässern ist, beginnt er einen Slalomlauf auf selbstbestimmtem Kurs, fegt um die Ecken der Inseln, fährt dicht unter den Felsenküsten entlang wie mit einem Ruderboot. Der Reiseleiter nennt über das Mikrophon fleißig Namen: Krk, Kvar, Korcula, Miljet, gibt geschichtliche Erläuterungen, erklärt Fauna und Flora, nicht ohne Humor und Wissen.

Nachmittags Dubrovnik. Ein kleinerer Markusplatz: Kirche, "Dogenpalast", Platz, Café und Wasser. Touristen, Touristen aller Nationen, kamerabewehrt, Tausende von Bildern werden allein an diesem Nachmittag "geschossen". Und der Slibowitz fließt. In einer offenen, luftigen Trambahn rollt die fröhliche Schiffsgesellschaft bergab zum Hafen zurück, leise, leise, nur nicht singen, denn im Fahrscheinheft lag ein sehr vertraulicher Zettel des deutschen Reisebüroverbandes mit Mahnungen für Sitte und Anstand: "Schlechtes Benehmen und lautes Auftreten fallen im Ausland besonders auf, zumal wenn du mit deinen Landsleuten in Gruppen reist und so weiter und so weiter ..." Man denke: Fünf Millionen Deutsche fahren im Jahr in fremde Länder. Die Ausländer nehmen willig unsere deutsche Mark entgegen, sie verzichten auf politische Abneigung uns gegenüber, aber sie beargwöhnen unser Benehmen.

Was für Kommunisten sind diese Jugoslawen! Als das Schiff bei Dunkelheit ablegt, geht ein dröhnendes, freudiges Abschiedsspektakel los. Fast die ganze Besatzung stammt von hier. Auf der Brücke fidelt die Kapelle emphatisch eine nicht endende leidenschaftliche Abschiedsweise, Motorboote mit letzten Grüßen preschen heran, am Bug Mädchen in hellen Kleidern wie Gallionsfiguren, die mit kreisenden Lichtzeichen Signale geben. Das ganze nächtlich leuchtende Dubrovnik signalisiert zuletzt Abschiedsgrüße durch die Dunkelheit, reihenweise flammen die Fenster auf und erlöschen, mit wechselndem Rhythmus, in seemännischer Geheimsprache. Schließlich bleibt die Stadt unweigerlich in der Finsternis zurück. An Bord herrscht Hochstimmung!

Odyssee 1960