Der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer hat in der ZEIT vom 5. August "vor Illusionen gewarnt". Er bezog sich dabei auf meinen Beitrag in der ZEIT vom 22. Juli – einen Ausschnitt aus längeren Ausführungen vor der Evangelischen Akademie in Loccum.

Mir ist nicht recht verständlich, was Ernst Lemmer bewogen hat, sich mit mir, der ich dafür plädiert hatte, wir sollten uns stärker und selbstbewußter mit der kommunistischen Welt – vor allem auch mit dem Geschehen in der Zone – auseinandersetzen, anzulegen. Vor Illusionen braucht man den Regierenden Bürgermeister von Berlin gewiß nicht zu warnen. Von Berlin aus ist den westlichen Staatsmännern unentwegt empfohlen worden, der kommunistischen Herausforderung kraftvoll zu begegnen. Im übrigen möchte ich mich auf drei Feststellungen beschränken:

1. Mit Ernst Reuter war ich der Meinung, und ich bin es auch heute noch, daß der Westen auf die Krise des Kommunismus im Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953 bei weitem nicht einfallsreich und energisch genug reagiert hat.

2. Ich warund bin der Meinung, daß der Westen auf die politische Entwicklung und auf die ungarische Tragödie des Jahres 1956 allzu passiv reagiert hat, obwohl im Fall Ungarn der eindringliche Hilferuf einer legitimen Regierung an die Vereinten Nationen vorlag. Der Schriftsteller Georg Paloczi-Horvath hat in seinem kürzlich erschienenen Chruschtschow-Buch Ausführungen gemacht, die uns allen zu denken geben sollten.

3. Ich bleibe dabei, daß es zu einer gesamtdeutschen Politik gehört, nicht nur die Entwicklung in der Zone zu beobachten und die Widersprüche des Regimes aufzudecken, sondern im Interesse unserer Landsleute auch immer wieder zu versuchen, auf die Maßnahmen der Zonenmachthaber einzuwirken. Der Minister für Gesamtdeutsche Fragen wird es gleich mir für bedenklich halten, daß wir uns in der Bundesrepublik mit Vorgängen im Kongo oder auf Kuba intensiver befassen als mit dem Geschehen im anderen Teil unseres Vaterlandes.

Wenn Ernst Lemmer an mich wegen des "Deutschlandfunks" – der bekanntlich seinen Sitz in Berlin haben sollte – appelliert, so hat er sich an die falsche Adresse gewandt – mich braucht er nicht zu überzeugen. Ich darf jedoch darauf hinweisen, daß Rundfunkreden und Broschüren Mittel der Politik sind, nicht aber die Politik ersetzen können. Willy Brandt