Die letzten freien Stimmen auf Kuba schweigen – Wie "der Bärtige" die Presse mundtot machte

Von Egon Vacek

In die bedrohliche Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba brachte das vergangene Wochenende eine neue Zuspitzung: Fidel Castro verkündete die Enteignung fast des gesamten amerikanischen Besitzes auf der Zuckerinsel. Zugleich aber kam die Meldung von einem anderen Ereignis, das aufhorchen läßt: In den Kirchen des Landes wurde ein Hirtenbrief Kardinal Arteagas, des höchsten Vertreters der katholischen Kirche in Kuba, verlesen, worin zum erstenmal offen der wachsende kommunistische Einfluß auf der Insel kritisiert wird. Das ist um so bemerkenswerter, als Castro – wie unsere Reportage zeigt – rigoros alle Kritik an seiner Regierungsführung erstickt hat.

Havana, Anfang August

Kurz nach neun Uhr, am 10. Mai 1960, verstummte die älteste und angesehenste Stimme Kubas. Bewaffnete Arbeiter unter Führung eines kommunistischen Sekretärs der Gewerkschaft Sindicato de Artes Graficas (in der das technische Zeitungspersonal Kubas zusammengeschlossen ist) marschierten in das Verlagsgebäude des "Diario de la Marina", drangen in die Druckerei ein und rissen die Druckplatten aus den Maschinen.

Diese Druckplatten enthielten einen Brief an die Leser, in dem sich rund 300 Angestellte der Zeitung, Redakteure und Techniker, hinter den Herausgeber Jose Ignacio Rivero gestellt hatten. Sie hatten seine scharfe Kritik an Castros antiamerikanischem Haß-Sänger Jose Pardo Llada gebilligt.

Jose Rivero schickte nach dem Zwischenfall Protesttelegramme an Präsident Dorticos, an Innenminister Rodriguez und an den Polizeichef von Havana. Sie blieben unbeantwortet. Er wandte sich an den Polizeikapitän des Dritten Bezirks um Hilfe gegen die Vandalen. Antwort: "Zeigen Sie mir einen Toten und ich greife ein." Rivero gab die Partie auf. Er flüchtete in die Botschaft von Peru. Die Zeitung wurde zwischen 12 Uhr 30 und 14 Uhr von der Gewerkschaft übernommen.