Von Joachim Joesten

Dies schien der Augenblick zu sein, auf den die von einer dreijährigen Flaute bedrängten Tanker-Reeder schon lange sehnsüchtig gewartet hatten. Zum ersten Male seit dem Abklingen der Suezkrise ist Tankschiffraum wieder gefragt. Der Anlaß ist – ebenso wie vor vier Jahren, als Nasser den Suezkanal verstaatlichte – politischer, nicht wirtschaftlicher Art.

Wieder hat der diktatorische Herrscher eines kleinen Landes – in diesem Falle Kuba – tollkühn einen überlegenen Gegner herausgefordert und sich dadurch einen organisierten, weltweiten Boykott auf den Hals geladen. Wieder ist – allerdings in geographisch beschränktem Rahmen – eine Ölversorgungskrise entstanden. Und wieder kommt es darauf an, diese so schnell wie möglich durch den forcierten Einsatz einer großen Tankerflotte zu überwinden.

Gewiß, es gibt einen wesentlichen Unterschied gegenüber der Suezkrise von 1956. Damals waren es die Opfer des Willküraktes, die westlichen Länder, die von einer bedrohlichen Ölkrise heimgesucht wurden, während es heute der Herausforderer selbst, nämlich Kuba ist, dem Ölknappheit droht. Indem er durch einen Federstrich die Raffinerien der großen internationalen Ölgesellschaften (Esso, Texaco und Shell) praktisch enteignete, hat Fidel Castro der Ölwirtschaft einen Fehdehandschuh hingeworfen, der sofort aufgehoben worden ist. Kein amerikanischer, englischer, französischer oder holländischer Tanker wird in Zukunft einen kubanischen Hafen anlaufen, um dort seine Ladung zu löschen.

Wie Nasser vor vier Jahren, hat sich auch Castro, bevor er den entscheidenden Schritt tat, Rückendeckung bei der Sowjetmacht verschafft. Moskau hat ihm versprochen, jede beliebige Menge Rohöl, die Kuba für die nächsten Jahre benötigen mag, zu liefern. Daß die Russen das Öl zur Verfügung stellen können, wird in Fachkreisen nicht bezweifelt. Sowjetöl gibt es in Hülle und Fülle – es fragt sich nur, ob es auch geliefert werden kann. Vom Schwarzen Meer bis nach Kuba ist ein weiter Weg. Um die rund 4 Mill. Tonnen Rohöl, die in den drei von Castro beschlagnahmten Raffinerien bisher jährlich verarbeitet wurden (und die aus dem nahe gelegenen Venezuela kamen), aus dem Erdölzentrum Baku oder aus dem rumänischen Fördergebiet, das ebenfalls sowjetischer Kontrolle untersteht, nach Havanna zu transportieren, müßten schätzungsweise 20–25 kleine bis mittelgroße Tanker im Pendelverkehr eingesetzt werden. Da Kuba keine eigenen Tanker nennenswerter Größe besitzt, müßte der gesamte für diesen Transport benötigte Tankschiffraum von den Sowjets zur Verfügung gestellt werden.

Wie groß die russische Tankerflotte derzeit ist, das ist eines der vielen Geheimnisse des Kremls. Selbst das allwissende Londoner "Lloyd’s Register of Shipping", die Bibel der Seefahrenden, enthält darüber keine exakten Angaben, Immerhin rechnet man in eingeweihten Kreisen damit, daß die Sowjets z. Z. über etwa 60 Tanker verfügen, darunter einen oder zwei "Super" von 32 000 t Tragfähigkeit. Und es ist bekannt, daß gerade der Tankerbau in der Sowjetunion (bzw. der Bau für sowjetische Rechnung im Ausland) in letzter Zeit stark forciert worden ist. Es sollen z. Z. rund 50 Tanker auf den Helligen der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten im Bau liegen.

Demnach wäre die russische Tankerflotte an sich schon groß genug, um die Versorgung Kubas zu gewährleisten. Aber "Soyusneft", wie die staatliche sowjetische Exportfirma für Erdöl heißt, hat noch eine ganze Anzahl anderer Verpflichtungen. Gerade in letzter Zeit hat Moskau umfangreiche Lieferverträge mit nichtkummunistischen Ländern in aller Welt, darunter vor allem Brasilien, Argentinien, Indien, Japan, Ceylon und den skandinavischen Staaten abgeschlossen. Und auch hier muß der Transport weitgehend unter sowjetischer Flagge geschehen.