Von Max Brod

Dr. Max Brod, der einstige Prager, der heute in Tel Aviv lebt, ist ein Autor von durchaus eigenem Rang. Um so bewundernswerter ist es, wie er sich damit abgefunden hat, in die deutsche Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem als Herausgeber der Werke seines Freundes Franz Kafka einzugehen. Nicht, daß ihm dieser unschätzbare Dienst an Kafka und an der deutschen Literatur von allen gedankt worden wäre. Die gleichen Kritiker, die Brod Unsauberkeiten der Edition, ja, zuweilen sogar "Verfälschung Kafkas" vorwerfen, machen sich offenbar nur unzureichend klar, daß die Romane "Das Schloß" und "Der Prozeß" gar nicht existierten, wenn nicht Max Brod sie herausgegeben hätte. Zum ersten Male nimmt Max Brod Stellung zu einigen der Vorwürfe, die gegen seine Herausgebertätigkeit vorgebracht wurden. Was wir hier abdrucken, wird demnächst im Kindler-Verlag, München, als Teil einer Autobiographie ("Streitbares Leben", 544 S., 19,80 DM) erscheinen.

Die Unsicherheitskomponente Kafkas, das Schiffbrüchig-Düstere und Verzweifelte der Situation, aus der hervor er so vieles schreibt, die er auch immer wieder in wechselnden Symbolen schildert – diese Seite steht im Vordergrund der Wirkung, die Kafka auf die Welt ausübt.

Aber der Kafka der gläubigen Position, zu der er sich am Ende durchgerungen hat, ist der Welt fast unbekannt geblieben – inmitten seines Ruhmes ist hier ein ausgesparter weißer Fleck, wie er auf alten Landkarten unerforschtes Land bezeichnet. Terra incognita. Dies der Grund der Fehldeutungen, der Grund auch dafür, daß ich die Feder noch nicht hinlege.

Gerade für diesen unbekannten Kafka werbe ich um Verständnis –, von ihm verspreche ich mir eine Heilswirkung, wie sie vielleicht gerade heute, in dieser kritischen Weltstunde der Menschheit, so bitter nötig ist.

Als ich Kafka kennenlernte, war er gerade dabei, seine spitzpinselig manirierte, gleichsam gotische Periode zu überwinden – in der er, unter dem Einfluß des "Kunstwart", der sehr kritischen, nur bestimmte, allerdings große Autoren wertschätzenden Zeitschrift, gelegentlich auch in Deutschtümelei verfallen war.

Aus jener Zeit erinnere ich mich an die merkwürdige Aversion, die Franz gegen das Wort "heftig" hatte. So oft er "heftig" las, rümpfte er die Nase. Ich glaube, in all seinen Werken kommt das Wort nicht vor. Das besagt wohl etwas für die besondere höhere Behutsamkeit und Besonnenheit seines Schaffens, auch in Momenten, in denen der Sturmwind der Inspiration es durchblies.