Ein Fehl-Zitat

Von Ludwig Marcuse

Die berühmteste, die meistzitierte Zeile Heinrich Heines ist ein Fehl-Zitat. In Zitaten könnt ihr sie verfehlen.

Es ist richtig zitiert, aber im falschen Sinne. Zitate können durch Isolierung, die sie erst zu Zitaten machen, die Meinung des Autors verändern – in diesem Fall in ihr Gegenteil verkehren.

Ich will nicht sagen, daß Heine niemals um den Schlaf gebracht wurde, wenn er am Tage oder in der Nacht an Deutschland dachte – aber bestimmt nicht in diesem besonderen Fall, wo er es so zitierbar zu sagen schien. Schien: weil die meisten Zitierer entweder das Gedicht nicht kannten oder (wie auch ich, bis vorgestern) unter dem Lärm des bekannten Zitats gar nicht mehr hinhörten.

Obwohl Heine unmißverständlich sagt, daß er sich um Deutschland keine Sorgen mache, und daß er nach Deutschland nicht so sehr "lechzte" – wäre die Mutter nicht dort. Von den zehn Versen sind sechs der Mutter gewidmet, die letzte ist eine Apotheose seiner französischen Mathilde, ein Hymnus auf "französisch heiteres Tageslicht" – und nur die ersten vier Zeilen scheinen ein Lechzen nach Deutschland zu sein. Scheinen! Dieser Schein entstand durch Trennung der ersten vier Zeilen von den sechsunddreißig folgenden.

Das Vaterland wird nie verderben,