RH–Hamburg

Ich bitte das Gericht zu bedenken, daß der Angeklagte in den letzten fünfzehn Jahren nur dreimal strafbare Handlungen begangen hat, sein verbrecherischer Impuls also nicht mehr permanent ist", sagt der Verteidiger.

Dem Angeklagten, einem fast siebzigjährigen Mann mit kahlem, braungebranntem rundem Schädel tun diese Worte sichtlich wohl. Er nickt und ist sehr gerührt, so etwas Hübsches über sich selbst zu vernehmen. Er weiß das mehr zu schätzen als mancher andere, weil er in seinem Leben viel Gelegenheit gehabt hat, Böses über seine Person zu vernehmen. "Ihr Vorstrafenregister weist neunundzwanzig Positionen auf", sagt der Vorsitzende im Hamburger Amtsgericht. "Sie konnten schon im Ersten Weltkrieg nicht eingezogen werden wegen der Vorstrafen."

Der Amtsgerichtsrat blättert, ohne alles, was in Jahrzehnten zusammengeheftet worden ist, noch einmal zu lesen und sagt jeweils nach einigen Seiten etwas von Gefängnis, Zuchthaus verbüßt, ausgesetzt zur Bewährung, Gefängnis, Zuchthaus – und so weiter. "Zuletzt vier Monate und zwei Wochen Gefängnis, Bewahrung – auf dem Gnadenwege erlassen im September 1959. Ja, und nun erzählen Sie mal, wie die Sache, wegen der Sie hier heute vor Gericht stehen, gewesen ist. Sie hatten Arbeit als –"

"Ich war als Wachmann angestellt", sagt Arthur.

"Aha, ja, als Wachmann." Niemand hier findet das komisch. "Erzählen Sie mal ein bißchen", ermuntert der Richter wieder den Mann, der so zusammengesunken vor ihm steht, daß nur der eng um seine Taille geschnürte Gurt des langen Regenmantels ihn zu halten scheint. Aber Arthur murmelt nur leise wenige Worte und spricht einzig das deutlich, was dem erfahrenen Angeklagten wichtig erscheint; "Ich muß gleich sagen, daß ich kein verschlossenes Behältnis aufgebrochen habe."

"Wie war das denn nun?"