Im ersten Halbjahr 1960 wurden im Bundesgebiet mehr als eine Million Kraftwagen produziert. Das waren etwa 25 vH mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Der Produktionszuwachs entfiel nahezu vollständig auf Personenkraftwagen. Nichts deutet darauf hin, daß in der nächsten Zeit die expansive Entwicklung in der Automobilindustrie, ihr Ende finden wird. Die großen Automobilfabriken erweitern die Produktionskapazitäten von Jahr zu Jahr.

Ford und Opel wollen im Ruhrgebiet ganze Automobilfabriken neu erbauen. Die in Rüsselsheim bekanntgegebenen Investitionspläne sehen Produktionskapazitäten von 700 000 Wagen im Jahr vor. Das bedeutet auf längere Sicht gesehen eine Verdoppelung der Produktion. Opel begründet dies mit ähnlichen Vorhaben der führenden Automobilunternehmen in Italien, Frankreich und England. Macht man nicht mit, wird man um den Marktanteil gebracht. Damit stellt sich die Frage: geht die Automobilindustrie in Europa den gleichen Weg wie in den USA, wird sie weiterhin Absatz für ihre Produkte finden oder wird sich in absehbarer Zeit ihr Markt als gesättigt erweisen?

Natürlich hat sich jedes Unternehmen, bevor es zu bauen anfängt, so auch Opel, diese Frage vorgelegt. Sorgfältige Marktanalysen lassen – so wurde auf der Pressekonferenz dieses Unternehmens neulich erklärt – eine optimistische Beurteilung der Absatzchancen als berechtigt erscheinen. Das mag für die einzelne Automobilfabrik zutreffen; sie stellt ja nicht nur die nackten statistischen Daten in Rechnung, sondern sie bezieht in sie selbstverständlich auch die eigene Wettbewerbskraft ein. Möglicherweise ist diese sogar der ausschlaggebende Faktor.

Für die Gesamtheit der deutschen Automobilindustrie aber sehen die Dinge anders aus. Für sie stellt sich die Frage: wie lange können noch 2 Millionen Automobile und mehr in jedem Jahr gefertigt und verkauft werden?

Bisher wurde von der deutschen Automobilindustrie etwa die Hälfte der Produktion exportiert und die andere Hälfte im eigenen Lande abgesetzt. Ob sich diese Relation zugunsten des Exportes künftighin verschieben läßt, ist schwer zu sagen, zumal sich um den Weltmarkt nicht nur die Bundesrepublik, sondern alle wichtigen, Automobile produzierenden Länder bewerben. Jedenfalls wird man danach trachten müssen, weiterhin eine runde Million von Kraftfahrzeugen im eigenen Lande abzusetzen. Das ist eine gewaltige Zahl.

Zweihundertfünfzigtausend Wagen dienen bis jetzt der Erneuerung von alten Fahrzeugen. Dies entspricht einer Erneuerungsrate von etwa 5 vH jährlich. Auf den ersten Blick erscheint diese Rate als zu niedrig; denn im Schnitt ist ein Kraftfahrzeug keine 20 Jahre im Gebrauch. Die Erneuerungsrate ist so gering, weil der "Altersaufbau" des deutschen Automobilbestandes (die meisten Wagen wurden erst in den fünfziger Jahren gebaut) überaus günstig ist. Vieles spricht für eine Verlängerung der Lebensdauer der Kraftfahrzeuge. Die Motore und die Chassis sind besser geworden und halten mehr aus. Eine bedeutsame Rolle spielt auch die Straßenüberfüllung. Sie führt zu einer Rückwanderung auf die Schiene, und zwar sowohl im Berufs- wie im Fernverkehr. Deshalb wird zwar noch kein Automobil abgeschafft; aber es wird weniger stark genutzt und bleibt damit länger im Verkehr.

Trotz alldem wird der Ersatzbedarf künftighin wachsen; über eine halbe Million aber wird er kaum hinausgehen. Dazu kommt eine weitere halbe Million von Kraftfahrzeuge die jährlich neu in den Verkehr kommen. Bei dieser Zuwachsrate wird aber der Markt irgendwann einmal gesättigt sein.