Im Streit um das zweite Fernsehen ist neue Besinnung nötig

Von Gerd Bucerius

Vor den "Gefahren des zweiten Fernsehens" als einem möglicherweise explosiv wirkenden Fremdkörper in unserer Demokratie warnte in der vorigen Ausgabe der ZEIT unser Mitarbeiter Theodor Eschenburg. Ihm widerspricht heute Gerd Bucerius. Dort der Gelehrte der politischen Wissenschaften, dessen unparteiische Überlegungen starke Beachtung fanden, hier der Politiker und CDU-Bundestagsabgeordnete, der den Kampf um das zweite Fernsehen aus einiger Nähe miterlebt hat.

Die Bundesregierung bereite eine bewußte Umgehung der Verfassung, eine "illegitime Legalität" vor, indem sie sich anschicke, auf dem Wege über eine selbstgegründete GmbH ein zweites Fernsehprogramm ins Leben zu rufen, schrieb Theodor Eschenburg in der vorigen Woche an dieser Stelle. Nur mit Zweidrittel-Mehrheit von Bundestag und Bundesrat solle man, so meinte er, Institutionen errichten dürfen, die einseitige politische Werbung treiben könnten. Statt der "Abhängigkeit des Fernsehens von Werbungsinteressen" solle man lieber die Gebühren erhöhen.

Nun, gewiß ist zunächst, daß es bei dem ersten, dem einen Fernsehprogramm nicht bleiben wird. Seit vielen Jahren ist die Technik reif für ein zweites und drittes Programm. Auch ein viertes und fünftes wäre möglich; in den großen Städten der USA hat man Auswahl unter sechs bis acht Pogrammen. Seit ebenso vielen Jahren aber verhindern die Länder-Regierungen in der Bundesrepublik ein zweites Fernseh-Programm.

Die sieben Fernsehhäuser, die sich auf ein Programm einigen müssen, haben sich wohl oder übel mit den "Aufsichtsgremien", in denen die politischen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften vertreten sind, arrangiert – auf Kosten des Programms, wie allgemein anerkannt wird. Man diente gelassen allen Herren. Wenn es gelegentlich einmal "knallte" (wie anläßlich der Sendung: "Verwirrung im Quadrat"), so entstand daraus nicht so sehr der Vorsatz, in Zukunft besser und sachlicher zu arbeiten, sondern noch weniger "aufzufallen". Daher denn auch jene Anekdote über die Programmkonferenz, bei der die Großen so viel redeten, nach vielen Stunden aber ein kleiner Mann sich davonschlich. "Wer ist denn das?", fragte jemand. Antwort: "Der macht das Programm." – Einmal war ich Zeuge, als ein Mitglied jener Aufsichtsgremien gefragt wurde, welche Programmzeitschrift er denn halte. Antwort: "Keine, ich habe gar keinen Fernsehapparat." Na dann ...

Diese Ruhe war zu schön, als daß sie hätte gestört werden dürfen. Sie wurde gestört zunächst durch das Fernseh-Programm der Sowjetzone. Die dortige "Regierung" betreibt einen Sender mit dem einzigen Ziel der politischen Propaganda, vor allem nach Berlin und in den Bund, ungehemmt, unkontrolliert – außer von der SED. Bisher sehen diese Darbietungen in der Bundesrepublik nur die Bewohner der Randgebiete; in Hamburg kann man das sowjetzonale Fernseh-Programm mit einer besonderen Hochantenne empfangen. Aber Rheir und Ruhr sind durch den Teutoburger Wald abgeschirmt – bis die Zone ein Sendeflugzeug an den Himmel hängt, was sie demnächst tun wird.