Seit ein paar Monaten ist in der Sowjetunion ein neues, höchst interessantes Phänomen zu beobachten. In der sowjetischen Landwirtschaft sind Kräfte und Bestrebungen aufgetreten, die von der Parteiführung weder geplant noch vorgesehen waren. Im Rahmen der kollektiven Landwirtschaft entstehen neue Eigentums- und Organisationsformen – neben und außerhalb der Staatswirtschaft.

Die Sowjetpresse muß sich heute mit solchen neuen Begriffen wie "Interkolchos-Organisationen", "Interkolchos-Vereinigungen" und "Interkolchos-Sowjets" auseinandersetzen. Sinn und Bedeutung dieser Erscheinungen werden verständlich, wenn wir die Landwirtschaftspolitik Stalins mit der heutigen Situation vergleichen, wie sie durch die Landwirtschaftsreformen seit 1953 entstanden ist.

Unter Stalin war – zumindest in der politischen Zielsetzung – alles klar und einfach. Durch die Zwangskollektivierung von 1929 bis 1934 waren 25 Millionen Bauernhöfe kollektiviert wor- den. An ihre Stelle traten drei neue Organisationsformen: Da war die Kolchose – auf dem Papier eine freiwillige Produktionsgenossenschaft, in Wirklichkeit jedoch einer Vielzahl von Staats-, Partei- und Wirtschaftsinstanzen untergeordnet. Die Kolchosen besaßen keine eigenen Maschinen. Diese waren vielmehr in Maschinen – Traktoren – Stationen (MTS) konzentriert, die dem Staat gehörten und von staatlichen Beauftragten geleitet wurden. Der frühere, vor der Revolution bestehende Großgrundbesitz wurde in Sowchosen (Staatsgüter) umgewandelt, die ebenfalls von staatlichen Beauftragten geleitet werden. Gegen Ende der Stalin-Ära gab es 93 000 Kolchosen, 9000 Maschinen-Traktoren-Stationen und 5000 Sowjetgüter.

Von diesen drei Organisationsformen sah Stalin nur die Maschinen-Traktoren-Stationen und die Sowjetgüter als "konsequent-sozialistisch" an. Die Kollektivwirtschaften galten als "niedere" Form und wurden vom Kremldiktator stets mit Mißtrauen behandelt. Sie wurden bis ins kleinste von oben kontrolliert. Sie durften keine eigenen landwirtschaftlichen Maschinen besitzen. Sie durften nicht einmal winzige Nebenbetriebe errichten. Um die Kolchosen noch mehr dem zentralen Apparat unterzuordnen, leitete Stalin 1950 eine rigorose Zwangsverschmelzung ein. Bis zu seinem Tod im März 1953 sank die Zahl der Kolchosen von 240 000 auf 93 000. Das Ziel war klar: durch Zusammenlegungen sollten die Kolchosen allmählich die Größe der Staatsgüter erreichen.

Stalins Richtlinien wurden jedoch nicht verwirklicht. Die schwierige, ja katastrophale Situation in der sowjetischen Landwirtschaft um das Jahr 1953 zwang die Sowjetführer zu einem Kurswechsel. Die Ablieferungspflicht der Kolchosen wurde gesenkt und frühere Schulden gestrichen. Mehr als 100 000 Fachkräfte und Funktionäre wurden in die Kolchosen entsandt, um diese wirtschaftlich und organisatorisch zu stärken. Im März 1955 erhielten sie das Recht, im eigenen Bereich weitgehend selbst zu planen.

Durch die Landwirtschaftsreform von 1958 wurden die von Stalin so geliebten Maschinen-Traktoren-Stationen aufgelöst und die dort konzentrierten landwirtschaftlichen Maschinen – oft zu Schleuderpreisen – an die Kolchosen verkauft. Im Mai 1958 hob der Kreml das komplizierte und widerspruchsvolle System der Ablieferungspflicht auf; an seine Stelle trat ein einheitliches, einfaches System des Verkaufs der von den Kolchosen erzeugten landwirtschaftlichen Produkte an den Staat. Auch die ideologische Stalin-These vom "niederen" Kollektivwirtschaftseigentum gegenüber dem "höheren" Staatseigentum wurde ad acta gelegt.

So hat sich sieben Jahre nach Stalins Tod die Stellung der Kollektivwirtschaften sehr gewandelt. Während früher die landwirtschaftlichen Maschinen in Händen der MTS lagen, gehören sie heute den Kolchosen. Während Stalin die Kolchosen immer mehr unterordnen und in Staatsgüter verwandeln wollte, sind sie heute wirtschaftlich und organisatorisch stärker als je zuvor. Während unter Stalin die Kolchosen sich nur mit Landwirtschaft beschäftigen durften, haben sie in den letzten Jahren nicht nur eigene kleine Nebenbetriebe errichtet, sondern sogar begonnen – weit darüber hinaus – gemeinsame Produktionsstätten und Industriebetriebe zu schaffen.