ihnen doch ihre schöne Gebärdensprache." Das war nicht aus ästhetischen Rücksichten gesagt, sondern aus Anlaß der zwar übertriebenen, doch nicht ganz unzutreffenden Hypothese, eine der Ursachen der Mau-Mau-Bewegung sei, daß die Missionare den Negern den kultischen Tanz verboten haben.

Die Kultform und die damit eng zusammenhängende Gestaltung der Liturgie ist in der heutigen Kirche sehr aktuell. Es geht nicht um Ästhetik, sondern um die zugleich würdigste und angemessenste Form des Gottesdienstes. In den Kirchen Münchens konnten alle Gläubigen der "Union", alle Angehörigen der mit Rom vereinigten Ostkirchen nach ihrer Weise die Messe feiern. Es gab Ämter im byzantinisch-slawischen, im armenischen, im byzantinisch-griechischen Ritus. Aber auch innerhalb des römisch-katholischen Ritus wird heute lebhaft die liturgische Erneuerung diskutiert. Die Rückkehr zu urchristlichen Traditionen ist das Ziel.

Am sichtbarsten wird das in den Tendenzen des modernen Kirchenbaus, in dem heute Deutschland führend ist. Er orientiert sich strenger als bisher nach rein liturgischen Erfordernissen, nach der zentralen Bedeutung des eucharistischen Opfers, der sich Architektur und Kunst unterzuordnen haben. 380 bildende Künstler trafen sich, um über das bisher Erreichte zu sprechen; die Ausstellung "Kirchenbau der Gegenwart in Deutschland" zeigte der Öffentlichkeit eine Menge eindrucksvoller Resultate, von den bahnbrechenden Arbeiten Dominikus Böhms angefangen bis zu den gewagtesten Experimenten von Rudolf Schwarz und Sep Ruf. Die Kirche selbst will, daß die künstlerischen Kräfte sich regen, freilich ohne jeder einzelnen Lösung ihr Placet zu geben. Die Besucher der Ausstellung reagierten kritisch. Sie akzeptierten zwar noch die modernen Formen der Altäre, Tabernakel, Kelche, Kreuze, sogar der bildlichen Darstellungen und der abstrakten Glasfenster, aber in vielen Fällen schon nicht mehr die Räume selbst, also den spezifisch architektonischen Anteil.

"In der Kirche will ich keine Zweckmäßigkeit haben, sondern einen Raum, der mich zur Andacht einstimmt", sagte ein Besucher der Ausstellung. Ein Student fand, die meisten Bauten seien als Bühnendekoration entworfen. Eine junge Österreicherin meinte, von einem Kirchenbau erwarte sie gerade etwas ganz anderes als die phantasielose Nüchternheit moderner Zweckbauten. Neben Schlagworten wie "Waschküche", "Fabrikkantine", "Bahnhof" fiel das besonders herbe von einer "Kreuzung aus Kino und Warenhaus". Die so redeten, schienen innerlich beteiligt und kompetent, denn man konnte sie manche kühne bildnerische Einzelheit bewundern hören. Offenbar ist der Sprung vom industriell betonten Alltagsbauen unserer Zeit zu einer neuen Architektur echt sakralen Geistes zu groß, um so schnell gemeistert zu werden.

Vom Ort der Anrufungen Christi zu einem der verrufensten Tatorte des Antichrist führte eine Sühnewallfahrt der Jugend. 3000 Jungmänner brachen am Morgen des Freitag, am "Tag des Kreuzes", aus dem Zeltlager auf dem Oberwiesenfeld auf, um betend und singend nach Dachau zu wandern, wo am Nachmittag auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers eine ergreifende Gedenkfeier stattfand. Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler, ehemaliger Dachauer KZ-Häftling Nr. 26 680, vollzog die Einweihung des neuen Sühnemals, einer turmartigen Gebetsstätte, die den Namen "Todesangst Christi-Kapelle" führt. Bischof Hengsbach forderte in seiner Predigt zur "Bruderliebe" auf, und drei weitere ehemalige KZ-Häftlinge: Leopold Figl, Präsident des österreichischen Nationalrates, Erzbischof Adam Kodlowicki (Nordrhodesien) und der französische Justizminister Edmond Michelet sprachen Worte mahnenden Gedenkens an die Schrecken einer gottentfremdeten Zeit.

Immer wieder war es der Aufruf zu mehr Liebe, der den Grundton der großen Feierstunde angab. Dieser Grundton schwang sehr hörbar auch durch die Gespräche der Una-sancta-Bewegung, deren unablässige Arbeit sich um Überwindung der reformatorischen Kirchenspaltung, um Wiederherstellung der kirchlichen Einheit bemüht. Er schwang vor allem aber mit hinreißender Klangfülle über den Festplatz bei den Eucharistie-Feiern unter freiem Himmel auf der Theresienwiese. Dort hatte der päpstliche Legat die Versammlung des katholischen Erdkreises eröffnet, mit der feierlichen liturgischen Begrüßung in allen Sprachen der teilnehmenden Völker. Die Predigt hatte der Berliner Kardinal Döpfner gehalten. Dort fand auch die überwältigende, großartige Hochfeier der heiligen Eucharistie am letzten Sonntagmorgen statt mit der Predigt des Legaten Gustavo Kardinal Testa, der Kommunion aller-Gläubigen und dem Grußwort des Heiligen Vaters. Mehrere hundert hohe Kirchenfürsten im Prunk der vielfarbigen Gewänder, Hunderte von Ministranten und eine unübersehbare Menge von Andächtigen nahmen daran teil.

Gewiß: für die außenstehende Welt ein sensationelles Ereignis, eine religiöse Völkerschau von buntester Vielfältigkeit, ein sommerlicher Ferieneffekt aparter Art. In Wahrheit aber die Kundgebung einer Weltgemeinschaft des Glaubens und der Liebe, deren Überzeugungskraft wohl geeignet ist, unserer Zeit der Lebensgier und der Todesangst einen Anhaltspunkt für berechtigte Hoffnung zu bieten.

"Wunderbare Bilder" seien in der Fernseh-Übertragung aus München zu sehen gewesen, so sagte Papst Johannes XXIII., der in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo vor dem Bildschirm den Kongreß verfolgt hatte. Die farbige, vielfältige Schönheit der katholischen Lithurgie bot in der Tat "wunderbare Bilder"; hier eines vom Eröffnungsgottesdienst vor der Feldherrnhalle.