Von Barbara Bondy

Auch literarische Optimisten klagen, daß die großen europäischen Romane des letzten Dezenniums an den Fingern einer Hand (großzügig: beider Hände) herzuzählen seien. Auch literarische Pessimisten aber sind bereit, das Meisterwerk des Provenzalen Jean Giono zu diesen wenigen zu zählen, nämlich den Roman "Le hussard sur le toit", 1951 geschrieben, bei uns einige Jahre später unter dem im Deutschen weniger glücklichen Titel "Der Husar auf dem Dach" erschienen.

Unvergeßliche Lektüre: das Epos der choleraverseuchten Provence 1838. Erbarmungslose Realistik, erhöht in den Glanz der Poesie, der ganz großen Dichtung, die aus dem menschlichen Elend, dem sinnlosen Geschehen das unauslöschliche Gleichnis, den Sinn schafft. Durch diesen glühenden, alabasterweißen Sommer, in dem allerorten die Menschen zu Tausenden blind und bestialisch sterben, reitet Angelo Pardi, der verbannte Husarenoberst des Königs von Sardinien: jung, schön, lächelnd und wunderbar unangefochten und unversehrbar, einer der letzten und liebenswertesten Helden des modernen Romans (der ja bekanntlich durch die Abwesenheit von Helden, und schon gar von liebenswerten, gekennzeichnet ist).

Solche Erinnerungen drängen sich auf bei der Lektüre von

Jean Giono: "Das unbändige Glück", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 456 S., 18,50 DM.

"Das unbändige Glück" (le bonheur fou) – der Titel ist so schön, nicht wahr, so mitreißend und mutig, so gar nicht wehleidig und abgründig, wie sich unsere Titel doch allzu gerne geben. Der Leser setzt sich gerader, sein Lebensgefühl steigt... doch schon das Motto des Buches macht ihn wieder stutzig. Es heißt:

"Die Cholera ist nicht mehr epidemisch; sie ist konstitutionell geworden – ein Wort des Schriftstellers Prosper Mérimée, das er 1848 an eine Freundin, Madame de Montijo, schrieb. Ein modernes Wort, wahrhaftig...