Von Werner Meyer

Die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung steht im großen und ganzen noch unter dem Eindruck nicht erfüllter Rekordprognosen über die "goldenen 60er Jahre". Das an eine jahrelange schleichende Inflation gewöhnte amerikanische Volk vermag die positiven Folgen eines stabilen Lebenshaltungskosten-Indexes noch nicht recht zu würdigen. Das Lob der stabilen Preise haben wir auf einer mehrwöchigen Reise quer durch die Staaten lediglich von Regierungs- und Notenbanksprechern gehört. Dem Unternehmer "fehlt" der kleine Schuß Inflation. Der Konsument wird ein wenig schläfrig. Das ist kein Werturteil, sondern eine einfache Tatsache.

Ein Pittsburger Hochschullehrer sagte: Vielleicht hat die Rezession im zweiten Quartal dieses Jahres bereits begonnen; nur haben wir es noch nicht gemerkt. Aber unser Gesprächspartner unterschätzte die amerikanischen Verbraucher. Eine Konsumentenbefragung des Michigan Research Center ergab, daß bereits im Mai 60 vH der Befragten mit einer sich langsam entwickelnden, leichten Rezession während der nächsten Jahre rechneten. Die Betonung liegt dabei auf langsam und leicht.

Betrachtet man die wichtigsten statistischen Indikatoren der Wirtschaft, so zeigen sie in der Tat eine beängstigende Ähnlichkeit mit dem Anfang der Rezession von 1957/58. Der Index der Industrieproduktion pendelt mißmutig um die 11 Oer-Marke (1957 = 100). Die Stahlproduktion ist von ihrem im Januar 1960 erreichten Höhepunkt von über 12 Mill. t monatlich bereits am Ende des ersten Halbjahres auf die Hälfte abgesackt. Die monatliche Automobilproduktion ermäßigte sich im gleichen Zeitraum von 700 000 auf 600 000 Einheiten. Produktions-Rückgänge meldeten für den Juni ferner die Kohlenindustrie, Hersteller von Flugzeugen, Möbeln, Television- und Klimaanlagen. Der Produktionsindex wäre im Juni starker abgeglitten, wenn nicht die Produzenten von Konsumgütern für den laufenden täglichen Bedarf höhere Zahlen hätten ausweisen können.

Die Zahl der Beschäftigten nimmt zwar zu, gleichzeitig aber auch die Anzahl der Arbeitslosen. Bei den meisten Industrien bestehen Überkapazitäten. Nach der Meinung des Chefökonomen der großen Chemieunternehmung Dupont de Nemours in Wilmington (Delaware) hat die Industrieproduktion bereits im ersten Quartal 1960 den Höhepunkt überschritten und wird bis Mitte nächsten Jahres langsam abgleiten. Die Produktion dauerhafter Güter – wie z. B. von Autos, Fernsehgeräten, Radioapparaten und Möbeln – wird am schärfsten zurückgehen, während die Öffentlichen Dienste, die sogenannten Utilities, Produktionszunahmen aufweisen werden. Die Produktion von Gütern des laufenden Bedarfs werde sich dagegen kaum ändern. Der Dupont-Experte war der Meinung, daß die Chemieproduktion noch bis Ende dieses Jahres weiter steigen werde, um dann das erreichte Niveau zu halten. Der allgemeine Produktionsrückgang wird seiner Meinung nach hauptsächlich durch einen Lagerabbau ausgelöst werden und zur Folge haben, daß auch die anderen Investitionen eingeschränkt werden: alles in allem also nichts anderes als eine verhältnismäßig milde Rezession, die nach Ansicht unseres Gesprächspartners gegen Ende 1961 von einem Wiederaufschwung abgelöst werden dürfte.

Der bisherige Verlauf der Dinge scheint diese Prognose zu bestätigen. Wie übereinstimmend anerkannt wird, hat das Verhalten der Konsumenten in der Vergangenheit mehr als das jeder anderen Wirtschaftsgruppe dazu beigetragen, daß die bisherigen drei Nachkriegs-Rezessionen in den USA nicht in Depressionen ausgeartet sind. Die Konsumenten haben treu, bieder und stetig gekauft, Güter des täglichen Bedarfs, aber auch dauerhafte Gebrauchsgüter bis zu Rasenmähern, Schwimmbädern, Klimaanlagen und einem zweiten Wagen. Die anhaltend hohe Konsumnachfrage in den USA ist von Faktoren bedingt, die wesentlich mit der starken Bevölkerungsvermehrung, den Völkerwanderungen von den Städten in die Vororte und vom Osten in den Westen, aber auch mit der schleichenden Inflation in Verbindung zu bringen sind. Daneben hat zweifellos die in anderen Ländern ebenfalls bekannte Unlust der Konsumenten, ihren Lebensstandard ohne äußersten Zwang zu senken, beigetragen.

Diese Faktoren sind, mit Ausnahme des Inflationseffektes, alle immer noch wirksam. Die Bevölkerung nimmt pro Jahr fast um 3,5 Millionen Menschen zu und hat im Mai die Grenze von 180 Mill. überschritten. Die Vororte haben ihre Anziehungskraft keineswegs verloren. Das eigene Haus auf dem Land wird dem "Fiat" in der Stadt selbst dann vorgezogen, wenn die Entfernungen von der Arbeitsstätte für europäische Verhältnisse unerträglich werden. Das tägliche Pendeln zur Arbeit wird bis zu 80 Kilometern und mehr betrieben. Die der Bequemlichkeit gebrachten Opfer lassen dann das eigene Heim um so wertvoller erscheinen. Daß das Automobil unter diesen Umständen zu einem "Muß" geworden ist, versteht sich von selbst. Sobald man es sich leisten kann, wird für die Hausfrau ein zweiter Wagen angeschafft, und zwar häufig ein kleiner "Europäer".