Intelligent, ehrlich und unermüdlich, klarsichtig und entschlossen, nur das Beste zu wollen – all diese guten Eigenschaften werden Fanfani zugeschrieben, auch jene andere Eigenschaft freilich, er trage, wie jeder Toscaner, eine Tendenz zum Schisma, zur Teilung, in sich. Unmöglich könne er das Gros der Partei hinter sich vereinen; und selbst, wenn ihm eines Tages die Tatsachen recht geben sollten, wäre er dann doch wieder allen voraus und nur wenige, Desperados wie er selbst, wären bereit, ihm zu folgen.

Ich weiß nicht, ob diese Diagnose stimmt, ich weiß nur, daß Fanfani stets alles getan hat, um sie zu bestätigen. Niemand hatte die Partei nach dem Tode de Gasparis (und vielleicht nicht einmal de Gasperi selbst) so in der Hand wie Fanfani, und trotzdem hat er es fertiggebracht, sie zu verlieren. Bei den letzten Wahlen errang er für sich und die Partei einen Sieg, den niemand erwartet hatte. Er hatte sich selbst übertroffen. Der konzentrierte Angriff, dem die Christlichdemokraten gerade vor den letzten Wahlen ausgesetzt waren, schuf gerade die richtige Atmosphäre für ihn. Mit napoleonischer Schnelligkeit reiste er von Stadt zu Stadt und zahlte es seinen Feinden heim: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Polemik hat eine erregende Wirkung auf ihn und Brandgeruch gefällt ihm. Er hatte damals nicht nur alle anderen Parteien, sondern auch manche seiner eigenen Parteifreunde gegen sich. Aber er besiegte sie alle, und seine Partei verlor nicht nur keine Sitze, sondern konnte ihre Stellung bedeutend verbessern.

So schien es nur verständlich, daß man seiner Regierung ein langes, ruhiges Leben voraussagte. Aber sie dauerte erstaunlicherweise nur 210 Tage. Fanfani verließ das Schlachtfeld, nachdem er es in einen Friedhof verwandelt hatte. Besonders das Auswärtige Amt hatte seine Hand zu fühlen bekommen, denn er war außer Ministerpräsident auch Außenminister gewesen. Er hatte Neuerungen eingeführt und Tradition, Gewohnheiten und Privilegien in einem solchen Ausmaße über den Haufen geworfen, wie es nicht einmal nach Mussolinis Marsch auf Rom geschehen war. Vielleicht hatte er nur die Absicht gehabt, das Unkraut auszujäten, aber diejenigen, die in seinem Namen handelten, hatten sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, auch viel gutes Gras mit auszurupfen. Etwas, Ähnliches war dann auch innerhalb der Partei vor sich gegangen, obwohl diese doch fest in den Händen ihres Chefs zu ruhen schien – um so mehr, als die Schlüsselstellungen an seine Vertrauten vergeben waren.

Natürlich hatte er immer Feinde gehabt, aber welcher Politiker – und dazu noch ein christlicher Demokrat! – hätte keine? Doch sie schienen ungefährlich. Fanfani konnte auf eine sichere Mehrheit rechnen. Aber gerade diese sichere Mehrheit scheint seinem Unterbewußtsein unangenehm gewesen zu sein. Anders kann man sich nämlich gewisse Maßnahmen einfach nicht erklären, die einzig und allein ausgeklügelt schienen, diese Mehrheit abbröckeln zu lassen. Die Gründe zu einer Parteikrise kommen nie von außen, man muß sie immer innerhalb der Partei suchen. Und Fanfani verlor auf dem florentinischen Parteikongreß nicht wegen der Feindschaft seiner Rivalen, die unerheblich war, sondern weil seine Anhänger rebellierten. Von diesen war ihm – zu seinem Unglück – nur der florentinische Bürgermeister La Pira treu geblieben. Die Treue der andern hatte sich in der Wärme der errungenen Ministersessel verflüchtigt.

Seit seiner damaligen Niederlage hat man wenig von Fanfani gehört. Und das ist um so erstaunlicher, weil er doch in den vorhergehenden zehn Jahren ständig von sich reden machte. Zudem hätte es in der letzten Zeit genug Gelegenheiten gegeben, um wieder aufzutauchen, denn selten hat die Christlichdemokratische Partei eine solch schwierige Periode durchgemacht. Die Regierung Segni balancierte auf einem Seil, und der neue "Führer" der Christlichdemokraten, Moro, war, wie die Ereignisse es beweisen, weit davon entfernt, die Partei in der Hand zu haben. Die alten Gegner Fanfanis fanden sich zwar zusammen, um auch Tambroni den Weg zu versperren, aber dann gewann die alte Uneinigkeit wieder die Oberhand. Es lag deshalb nahe, daß man wieder von ihm hören würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Seit Beginn der Krise war er unauffindbar.

Sollte es eine neue Technik gewesen sein? Und wenn dem so wäre, dann muß man ehrlich anerkennen, daß Fanfani es fertiggebracht hat, durchzuhalten. Bisher war es doch das große Unglück nicht nur für seine Partei, sondern für die Demokratie in Italien überhaupt, daß ein so vielfältig begabter und fähiger Mann sein eigenes Temperament nicht zu zügeln wußte. Denn ob man nun mit Fanfanis Ideen übereinstimmt oder nicht, eines muß man sicherlich zugeben: Er ist einer der wenigen italienischen Politiker, die überhaupt welche haben. Man kann ihn lieben oder ihn hassen – und sogar sagen, daß ihn zu hassen sehr viel leichter fällt –, aber man kann nicht leugnen, daß seine Rechtschaffenheit außer Diskussion steht. Er weiß genau, was er will, und vielleicht ist es überhaupt sein Fehler, es so genau zu wissen und vor allem, es zu schnell verwirklichen zu wollen. Unglückseligerweise aber sind diese seltenen, kostbaren und außerordentlichen Eigenschaften mit einem toskanischen Charakter belastet – mit einem Charakter, der uns Toskaner so unausstehlich macht.

Nun kann man natürlich Fanfani keinen Vorwurf daraus machen, daß er Fanfani ist. Man kann nur hoffen, daß er – nachdem er sich seinen Kopf genug an jenen Hindernissen eingerannt hat, zu deren Entstehen er selbst am meisten beitrug – gelernt hat, wenigstens so zu tun, als sei er etwas weniger "Fanfani". Im Grunde wollen die Partei, die Italiener und die Demokratie ja gar nichts anderes von ihm.