New York, im August

Schon lange nicht hat Hollywood seinen schlechten Ruf als Fabrikationszentrum der verzuckerten Realität so heftig und so glücklich dementiert, wie mit der Verfilmung von "Eimer Gantry", dem Roman von Sinclair Lewis aus dem Jahre 1927 (deutsch 1928). Die vollen Häuser, vor denen das Opus jetzt am Broadway läuft, sind wie eine Demonstration gegen die organisierten Angsthasen, die immer noch glauben, daß nur die nett frisierte, gedankenlose Unverbindlichkeit die Kundschaft an die Kinokassen treibt. "Eimer Gantry" ist ein Film für Erwachsene.

Es wird über diesen Film viel diskutiert, vielleicht sogar geschimpft werden, auch wenn die Aufregung nicht ganz so erhitzt sein sollte wie nach dem Erscheinen des Buches, das mit seinem Thema – der Geschichte des religiösen Opportunisten – vorsätzlich in die gefahrvolle Zone der Kontroverse hineinsteuerte. Das Thema ist herausfordernd, auch heute noch. Es gehört für viele Leute – zu Recht oder Unrecht – zu den Dingen, von denen man lieber die Finger läßt. Aber niemand wird behaupten können, daß es nicht mit sauberen Händen angepackt worden ist. Die künstlerische Autorität ist unbestritten; und das macht jedes Thema legitim, selbst das heikelste.

"Elmer Gantry" ist einer von den wenigen Filmen, die ihr literarisches Vorbild nicht verderben. Im Gegenteil. Sinclair Lewis überließ sich gern und ausgiebig der Pose des reinen Polemikers, und das machte weite Strecken des Romans mehr zu einer irritierend tendenziösen Streitschrift, als zu einem Werk erzählerischer Kunst. Richard Brooks (Drehbuch und Regie) hat weggelassen, zugedichtet, umgeändert, konzentriert und im Endeffekt ein Kinostück von außerordentlicher Dichte geformt, ohne Ablenkung durch zynischen Kommentar. Im Brennpunkt bleibt riesenhaft das Bild des Eimer Gantry, des verkrachten Handelsreisenden, der die Entdeckung macht, daß Religion ein gut verkäuflicher Gebrauchsartikel ist. Die Vehemenz, mit der er sich ins Geschäft stürzt, hat die Kraft einer rollenden Lawine, und der Schauspieler Burt Lancaster verfügt über die robuste Energie, aus diesem Impresario des Seelenheils eine Figur von beängstigender, rücksichtsloser Wirklichkeit zu machen. Der Schaubudenzauber, den er für seine Zwecke aufzieht, ist so frevelhaft, aber auch so fesselnd wie die Leidenschaftlichkeit, mit der er seine Opfer, nur sich selber nicht, zur Abstinenz von weltlichen Freuden verpflichtet. Es ist das Epos des Scharlatans, durchdringend und kompromißlos. Es braucht nicht einmal die monumentalen Wirkungen von Cinemascope. "Elmer Gantry" ist für die alte kleine Leinwand photographiert. Im Zeitalter der immer breiteren Wände ist das schon wieder eine Novität.

Das Sortiment der übrigen Filme, in diesen Sommertagen zur freundlichen Besichtigung vorgelegt, bestätigt eigentlich nur die Existenz der neuen Welle, die hier eine Längenwelle ist. Daß nach dem so erfolgreichen "Ben Hur" biblische Filme en vogue sein würden, war leicht vorauszusehen. Als erstes Muster der zu erwartenden Serie hat Hollywood jetzt "The Story of Ruth" abgeliefert, eine bemerkenswert lustlose Erweiterung des Buches Ruth. Die Klage richtete sich nicht so sehr gegen die Erweiterung an sich, als dagegen, daß sie mit so mechanischer Pomphaftigkeit durchgeführt ist. Es bleibt nicht viel von der schönen Einfachheit, mit der die Bibel die Geschichte der Urgroßmutter des Königs David erzählt. Das Buch Ruth läßt sich in zwanzig Minuten lesen. Die gewaltsam dramatisierte Filmversion – so stellte der Kritiker der "Herald Tribune" leicht resigniert fest – beansprucht fast siebenmal soviel Zeit. Eric Burger