Von Hans Bender

Jeden Abend ging ich mit Inge ins Kino. Für sie gab es nichts Schöneres. Ich dachte: Gut, für zwei, drei Stunden sind wir versorgt. Zudem war Inge – wenn sie nicht von Filmstars erzählte – wenig gesprächig, oder richtiger gesagt, ich war von dem, was sie sagte, nicht gerade gefesselt. Bezeichnenderweise hatten wir uns auch im Kino kennengelernt. Sie hatte eine Bemerkung gemacht, von der man eigentlich nur annehmen konnte, ein heller Kopf habe sie bewußt so primitiv formuliert. Kurz, die Bemerkung genügte, daß ich an ihrem munteren Profil Gefallen fand.

Als nach dem Happy-End des Films das Saallicht anging und ich sah, das Mädchen war allein gekommen, dachte ich, du kannst es nicht ohne männlichen Begleitschutz durch die Nacht treiben lassen. Sie zierte sich keineswegs, und ich war mehr als zufrieden, weil ich in dieser scheußlichen Stadt sowieso keinen Menschen kannte. Als ich unter den Alleebäumen zum erstenmal nach ihrem Händchen fischte, war’s so, als spiele in der Ferne Drehorgelmusik.

Sie sagte, Anthony Steel – der Hauptdarsteller mußte so heißen – habe sie schon in sechs Filmen gesehen, aber so gut wie heute habe er ihr noch nie gefallen. Sie habe übrigens gelesen, daß er bereits wieder einen neuen Film mache, doch habe es im Atelier Krach gegeben, weil seine Frau auf die Partnerin eifersüchtig sei. Aber die Partnerin – wie hieß sie doch? – habe sie vorgestern in einem neuen Film gesehen, sie habe ihr gar nicht gefallen, sie sähe längst nicht mehr so vorteilhaft aus wie in jenem Film, der vor zwei Jahren im Bali oder im Bambi gelaufen sei; ob ich ihn auch gesehen habe? Nein, ich hatte ihn nicht gesehen. Sie meinte, ich müsse es unbedingt nachholen, der Film laufe ab und zu noch in den Vororten als Spätvorstellung, sie habe den tollen Film schon dreimal gesehen, könne ihn noch ein viertes Mal sehen, besonders die eine Szene, wo sie mit dem Hauptdarsteller am Strand liege ...

Muß ich Entschuldigungen vorbringen, um zu erklären, warum ich Inge trotzdem bereitwillig zuhörte? Noch habe ich nicht gesagt, wie hübsch sie war. Sie hatte es selber noch nicht entdeckt, wahrscheinlich war sie deshalb hübscher als alle die Mädchen, die schon wissen, wie hübsch sie sind. Ein anderer bringt kostspieligere Opfer eines hübschen Mädchens wegen, erst recht dann, wenn er selber nicht mehr ganz jung ist – wenn er schon ein wenig, fürchten muß, so ein zartes Mädchen könnte mehr Respekt als irgend etwas anderes für ihn empfinden.

Ich schlug Inge vor; auch am nächsten Abend ins Kino zu gehen. Sie willigte ein und kam, ohne die übliche frauliche Verspätung, gutgelaunt und adrett zurechtgemacht zum verabredeten Treffpunkt. Wir waren uns gleich weniger fremd, wir saßen Loge statt Parkett, enger nebeneinander, die Langeweile der Werbe- und Kulturfilme mit Nußschokolade versüßend. Es war ein schöner Film. Der Altersunterschied zwischen dem Helden und seiner Flamme war etwa der gleiche wie zwischen Inge und mir. Der mir an Jahren angemessene Held war ausgesprochen sympathisch, und wenn ich den gelegentlichen Händedruck von Inge nicht völlig daneben deutete, war sie gerade von ihm, meinem Ebenbild, entzückt. Erst im letzten Drittel des Films wurde die Harmonie der beiden gefährdet durch einen feschen, jungen Mann, der das nette Ding im Sturm eroberte und es zum Schluß in seinem roten Sportwagen – es war ein Farbfilm – zum Traualtar chauffierte.

Vor dem Kino zerstreute Inge rasch die Melancholie, die sich dieser jähen Wendung wegen über mich gesenkt hatte. Sie sagte, ihr wäre lieber gewesen, wenn Sandra Dee den Cliff Robertson bekommen hätte, weil er der viel bessere Schauspieler als James Darren sei. Sie habe Cliff Robertson in der vergangenen Woche in einem anderen Film gesehen, er sei ganz groß. Zudem sei er Junggeselle wie Jean Marais, Dirk Bogarde, Rock Hudson und andere. Die Junggesellen hätten auch die gute Eigenschaft, daß sie die Verehrerpost selber beantworten, während die jungen verheirateten Schnösel ihr Autogramm von der Frau oder vom Manager auf das Photo kraxeln ließen. Sie selber habe lange handschriftliche Briefe von dem und jenem Filmschauspieler erhalten; ob ich sie nicht lesen wolle?