Von Sigmund Chabrowski

Nicht nur um die vollwertige Arbeitskraft, auch um den Lehrling und Anlernling wird zur Zeit ein Wettbewerbskampf bis aufs Messer geführt. Wer kennt nicht jene Erzählung – die witzig sein soll, über die man jedoch kaum noch lachen kann –, in der dem Schulentlassenen Ertragsbeteiligung und Pensionenanwartschaft versprochen werden, um ihn zum Abschluß eines Lehrvertrages zu bewegen. Glücklich der Lehrherr, der dann eines Tages einen Brief erhält, in dem die Eltern eines solchen Dreikäsehochs gönnerhaft mitteilen, daß er unter der Fülle der Bewerber auserkoren sei, daß man es mit ihm "einmal versuchen wolle". Schon gehen Nachrichten durch die Lande, welche von Abwerbern wissen wollen, die nun auch die Jagd nach vierzehnjährigen Lehrbuben aufgenommen haben.

Übertreibungen? Nein! Hier nur einige Zahlen, die die derzeitige Situation am "Markt" für Lehr- und Anlernlinge sinnfällig illustrieren.

  • Am 31. Dezember 1959 wurden im Handwerk, in Industrie und Handel, im Bergbau, in der Landwirtschaft, bei der Bundesbahn und Bundespost (ohne Saarland) insgesamt 1,292 Millionen Lehr- und Anlernlinge erfaßt, gegenüber 1,461 Mill. Ende 1956. Von 1956 bis 1959 ist also die absolute Zahl der Lehr- und Anlernlinge um rund 169 000 zurückgegangen.
  • Bereits 1956 blieben im Bundesdurchschnitt von je 100 Lehrstellen 25 männliche und 20 weibliche unbesetzt. Im Laufe der kräftigen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung, die in den letzten drei Jahren zur "Vollbeschäftigung" und einer entsprechenden Ausweitung des Nachwuchsbedarfs in der Wirtschaft führte, dürfte sich der Anteil der offenen männlichen Lehrstellen auf mindestens 35 und der der weiblichen auf 25 vH erhöht haben. Mit anderen Worten: Jeder dritte bzw. vierte Lehrherr kann sich keine Chance auf einen männlichen bzw. weiblichen Lehr- oder Anlernling ausrechnen.

Doch diese Zahlen kennzeichnen die wirkliche Situation keineswegs hinreichend. Erst weitere Aufschlüsselungen, wie sie in dem Bericht des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) über die Berufsausbildung im Jahre 1959 zu finden sind, vermitteln ein wirklich zutreffendes Bild.

Die Zahl der Lehr- und Anlernlinge ging vornehmlich zu Lasten der gewerblichen Lehr- und Anlernberufe zurück. Im Bereich der Industrie- und Handelskammern ermäßigt sich die Zahl der gewerblichen Lehrverträge von 1955 bis 1959 um rund 19 000, während sich die kaufmännischen Ausbildungsverträge um 32 000 erhöhten. Der Lehrlingsrollenstatistik der Industrie- und Handelskammern ist zu entnehmen, daß sich der Anteil der gewerblichen Ausbildungsverhältnisse am Gesamtbestand von 49,3 vH im Jahre 1947 fortlaufend auf 34,1 vH im Jahre 1959 verringerte, während der Anteil der kaufmännischen Lehrverträge von 50,7 auf 65,9 vH stieg. Wenn von einem Lehrlingsmangel gesprochen wird, so trifft diese Aussage also in erster Linie auf den gewerblichen Sektor zu. Zwei Drittel aller Jugendlichen fühlen sich heute zu kaufmännischen Berufen hingezogen, während es 1947 nur rund 50 vH waren.

Diese eindeutige Bevorzugung der kaufmännischen Lehrberufe hat natürlich für die gesamte Volkswirtschaft schwerwiegende Konsequenzen. Selbstverständlich steigt in einer vollbeschäftigten Wirtschaft auch der Bedarf an kaufmännisch ausgebildeten Kräften, aber in wohl gleichem Maße auch der an "Handarbeitern", ganz zu schweigen schon von dem Bedarf an "Dienenden" oder sozialpflegerischen Kräften, an guten Handwerkern und Bergleuten.