Leserbrief von Jack Baer: "Wo bleibt da die Moral?", ZEIT Nr. 28

Seit einigen Monaten werde ich in Ihren Leserbriefen über die Auslandsschulden auf dem laufenden gehalten. Ich gewinne langsam den Eindruck, daß Hitler den Weltkrieg mit dem Ziel begonnen hat, den Amerikanern und Deutschen damit auf lange Zeit Gesprächsstoff zu liefern und daß die Auslandsschulden die einzige wirkliche aus dem Krieg entstandene Ungerechtigkeit darstellen.

Über die juristischen Feinheiten der Angelegenheit kann ich nicht urteilen, aber das Urteil des "Mannes auf der Straße" glaube ich so ungefähr zu wissen. Eine Leserzuschrift in der hiesigen Lokalzeitung formulierte es vor einiger Zeit etwa folgendermaßen: "Die Deutschen haben uns gezwungen, mit ihnen Krieg zu führen. Nach dem Sieg haben wir sie höchst großzügig behandelt. Wir haben keine Reparationen von ihnen verlangt. Ihre Regierung hat dafür die Verpflichtung übernommen, die deutschen Staatsbürger für ihr hier verlorenes Vermögen zu entschädigen. Wenn sie es nicht getan hat, dann wirft das kein gutes Licht auf die deutsche Regierung. Wenn sie aber jetzt von uns Entschädigungen verlangen, dann ist das ein typischer Fall teutonischer Unverschämtheit."

Die ganze Angelegenheit hat eine finanzielle und eine politisch-psychologische Seite. Einerlei, ob wirklich eine finanzielle und juristische Verpflichtung des Bundes zur Abgeltung der Auslandsschulden besteht oder nicht – es wäre sicher ratsam, die Auslandgläubiger von Bundes wegen zu entschädigen und nicht immer wieder in höchst unerfreulicher Art an Vergangenes zu erinnern. Kein vernünftiger Auslandsgläubiger wird erwarten, wesentlich besser entschädigt zu werden als sein Leidensgenosse mit im Inland angelegtem Geld. So dürfte das Ganze nicht allzu teuer kommen. Die Sorge, ob die Beschlagnahme einen auch für die Amerikaner unerfreulichen Präzedenzfall geschaffen hat, können wir ruhig den Amerikanern überlassen. Wenn wir sie äußern, ist sie gar zu durchsichtig.

Dr. G. W. Schumann, New York

Ich habe die Ausführungen von Jack Baer mit Interesse gelesen. Auch ich bin der Auffassung, daß es nicht angeht, daß man Gerechtigkeit nur für sich zu beanspruchen sucht, während man selbst die Ausübung verweigert. Die Gründe jedoch, die Herr Baer anführt, sind nicht stichhaltig.

Herr Baer vergißt zweierlei: Erstens, daß es die alliierte Militärregierung war, die die Währungsreform mit allen ihren Folgen eingeführt hatte, und nicht die Bundesrepublik Deutschland, die seinerzeit noch gar nicht bestand. Zweitens trifft es nicht zu, daß die Regierung der USA das deutsche Auslandsvermögen erst im Zuge des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmt hat. Die deutschen Auslandsvermögen wurden von den Alliierten schon nach dem Ersten Weltkrieg entzogen. Obwohl diese Vermögen später teilweise zurückgegeben wurden, kann man nicht umhin, festzustellen, daß mit dem Ersten Weltkrieg bereits die unselige Politik des Eingriffs in private Rechte von Ausländern begonnen hat, die den Anfang aller Zersetzungen im internationalen Rechtsverkehr darstellte, mit denen die westliche Welt heute in immer stärkerem Maße zu kämpfen hat.