Von Günter Blöcker

Nur wenige Autoren haben die Erfahrung ihrer jungen Jahre so ausschließlich zum Stoff ihres späteren Lebenswerkes gemacht wie James Joyce. Das Talent zur literarischen Selbstverwertung wetteiferte mit dem der kunstreichen Verschlüsselung. Es bedeutet daher mehr als eine Komplettierung des Biographischen, wenn nach so vielen Deutern sich nun auch ein Angehöriger des Joyce-Clans, James’ jüngerer Bruder, zum Wort meldet, um aus der Perspektive des Nächstbeteiligten über jene Jahre zu berichten, die wir durch den Dichter selbst lediglich in ihrer mythisierten Gestalt kennen. Der Familienbericht wird hier zum Werkkommentar –

Stanislaus Joyce: "Meines Bruders Hüter", mit einem Vorwort von T. S. Eliot und einer Einführung von Richard Ellmann, deutsch von Arno Schmidt; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 349 S., 18,80 DM.

Stanislaus Joyce sieht diesen Sachverhalt sehr klar, wenn er des großen Bruders "Jugendbildnis" (A Portrait of the Artist as a Young Man) die "Abbildung eines Binnenreichs" nennt und den eigenen Beitrag mit den Worten umreißt: "Der Zweck der nunmehr hier vorliegenden Erinnerungen ist es, eine Abbildung des gleichen Modells von außen gesehen zu geben; das ‚andere Auge‘ zu sein, das gegebenenfalls schärfer einstellt oder die Umrisse klarer zieht." Dieser Aufgabe wird der Verfasser um so besser gerecht, als er selber eine Persönlichkeit von kräftigem Eigenwuchs ist, bereit, dem Genie des Bruders zu dienen, nicht aber, sich ihm zu unterwerfen. Die angekündigte Schärfe der Okulareinstellung läßt denn auch kaum etwas zu wünschen übrig. Sie gilt der Person des Bruders ebenso wie der irischen Umwelt, der Stanislaus mit ähnlicher, ja vielleicht noch rigoroserer Haßliebe anhängt als der Autor des "Ulysses".

Die Unkenntnis irischen Wesens läßt die meisten Joyce-Interpreten – hochberühmte Namen nicht ausgenommen – vielfach im luftleeren Raum operieren. In diesem Punkte leistet das Buch von Stanislaus Joyce werkwichtige Aufklärungsarbeit. Die bizarren, monomanischen Züge des irischen Genius werden bis zur Schroffheit herausgearbeitet. Selbst das Joycesche Sprachgenie erscheint in der brüderlichen Sicht eher als die positive Kehrseite eines Mangels, nämlich der völligen Desinteressiertheit an allem sogenannten Weltgeschehen. James genügt die irische, um nicht zu sagen: die Dublinsche Weltlandschaft. Sie in Sprache umzuwandeln, und zwar auf eine Art, die aus dem beliebigen Alltag eines beliebigen Menschen nach des Dichters eigenem Anspruch das "Epos unserer Ära" machen sollte – das ist die Aufmerksamkeit, die er der Epoche erweist. In diesem Sinne ist der von Stanislaus mit Kummermiene überlieferte Satz zu verstehen, das einzige, was ihn – James – wahrhaft interessiere, seien stilistische Fragen;

Neben den grillenhaften Zügen kommen aber auch solche zur Geltung, die das Bild des großen Unpersönlichen nach der intim-menschlichen Seite ergänzen. So die wunderschöne Szene, als James nach dem Tode der Mutter seine neunjährige Schwester mit einer für ihn sehr bezeichnenden Gefühlslogik tröstet, indem er dem verzweifelten Kinde "beweist", daß es der Mutter jetzt sehr viel besser ergehe als je zuvor auf Erden. Der kleine Vorfall mutet wie eine jener "Epiphanien" an, die – das Erscheinen des Ewigen im Banalen! – den Kernpunkt der Joyceschen Ästhetik bilden. Eine gelebte Epiphanie in diesem Falle.

Leider brechen die Aufzeichnungen mit dem Tod der Mutter ab. Als Stanislaus Joyce im Jahre 1955 starb, fand man das unvollendete Manuskript in seinem Nachlaß. Die Jahre des Zusammenlebens der Brüder in Triest, von denen man sich wichtige Aufschlüsse hätte erhoffen können, sind unausgewertet geblieben. Trotzdem ist das Buch in hohem Maße lesenswert – lesenswert auch um der Person des Autors willen, der die schwierige und undankbare Aufgabe, seines "Bruders Hüter" zu sein, mit so viel Anstand, Selbstentsagung und Humor auf sich genommen und durchgeführt hat.

Die deutsche Fassung von Arno Schmidt wartet mit einigen Sonderrei^zen auf. Der Text ist weniger ins Deutsche als vielmehr ins Schmidtsche übertragen. Eine auftrumpfende Privatorthographie ("Profet", "Sprüchwort", "filosofisch"), kauzige Vorliebe für abgelegene Vokabeln ("Gedrittschein", "Handschmitze", "austarieren", "Vorfallenheiten") und gestelzte Besonderheiten – etwa wenn er Joyces mimisches Talent in ein "Talent für Gebärdung" umtauft – zeigen an, daß der Übersetzer sich nicht weniger wichtig genommen hat als den ihm anvertrauten Text.