In Bonn unterhalten sich der 84jährige deutsche Bundeskanzler und der 66jährige britische Premierminister. Dabei ist ein Wort, das den Dolmetschern allzu geläufig von der Zunge geht, sicherlich mehr als einmal gefallen: EuropaEurope.

Jeder erfahrene Philologe weiß: Wenn in zwei Sprachen ein Wort beinahe identisch ist, kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Nachdem "Europa" nicht mehr geographisch (von Irland bis zum Ural) verstanden werden will und nachdem das geistesgeschichtliche Verständnis dadurch unmöglich gemacht ist, daß jede europäische Nation ihre eigene Geistesgeschichte entwickelt hat, steht einer "Frei-für-alle"-Interpretation des Begriffes nichts mehr im Wege.

Wenn Konrad Adenauer "Europa" sagt, dann meint er (wie die meisten seiner Landsleute) ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, ein Einmünden nationaler Impulse in jene größere geistige Einheit, wie sie, als anschauliches Denkmodell, einst im Reich Karls des Großen verkörpert schien. Wenn Harold Macmillan "Europa" hört, dann schwingt dabei die Erinnerung mit an jenes bedrohliche Kräftespiel kontinentaler Mächte, das im Gleichgewicht zu halten die traditionelle Aufgabe britischer Staatskunst war.

Sehen wir von den anderen europäischen Staaten einmal ab, dann muß für einen Europäer rheinländischer Herkunft "ein geeintes Europa" bedeuten: inniger Kontakt mit Frankreich und gute Beziehungen zu England. Für einen gebildeten Engländer hingegen bedeutet "ein geeintes Europa": korrekte Beziehungen zu Frankreich wie zu Deutschland.

Beides erscheinen mir Konzeptionen des 19. Jahrhunderts, beide gleich veraltet. Und beide sind wiederholt an der Wirklichkeit gescheitert, jener sonderbaren und doch so alltäglichen Wirklichkeit irgendwelcher Konkurrenzkämpfe, die offenbar immer davon leben muß, den einen gegen den anderen auszuspielen. Nach einigen Jahren in England lernte ich, daß es zu peinlichem Schweigen kam, wenn ich in Häusern, wo ich als Deutscher eingeladen war, Freundliches über Frankreich sagte. Und seither habe ich auch in Deutschland erfahren müssen, daß Sechser-Europäer nicht viel von England halten und daß in den Häusern der Anglophilen Frankreich kein unbedingt harmonieversprechendes Gesprächsthema ist.

Vielleicht ist es nur der Zweck-Optimismus eines Deutschen, der in Frankreich großgeworden ist und die glücklichsten Jahre seines Lebens in England verbracht hat: Ich sehe eine Generation heranwachsen, in England wie in Frankreich wie in Deutschland, die nicht mehr bereit ist, von der Bühne herunter "Europa" zu rufen und gleichzeitig hinter den Kulissen "Rule Britannia" oder "la gloire" oder "über alles zu spielen. Sie empfängt mächtige Impulse aus Amerika.

Ob nicht auch der 84jährige Adenauer‚ der 66jährige Macmillan, der 70jährige de Gaulle Ähnliches spüren, wenn sie nach Amerika blicken, wo der nächste Präsident, ob Nixon oder Kennedy zur Generation ihrer Söhne gehören wird?