Von Hans Gresmann

Sechs Wochen ist es her, seit die östlichen Delegierten mit wohlberechneter Spontaneität den Sitzungssaal im Genfer Palais des Nations verließen und damit die Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz sprengten. Mit dem abrupten Ende dieser Beratungen – kurz nach dem Scheitern der Pariser Gipfelkonferenz – war zugleich der Abschluß einer weltpolitischen Etappe markiert, die sich wohl am besten als die "Camp-David-Phase der flüchtigen Hoffnungen" bezeichnen läßt. Mit den Hoffnungen auf eine Entspannung, auf ein gedeihliches Arrangement zwischen den Großen verflüchtigte sich denn auch (auf eine noch gar nicht abzusehende Zeit) jegliche Hoffnung auf einen ernsthaften Abrüstungsbeschluß.

Wenn jetzt aus östlichem Munde von Abrüstung die Rede ist, dann nur noch im Bereich der puren Spiegelfechterei. Seit es Abrüstungsbestrebungen gibt – und ihre Geschichte reicht ja schließlich noch ins vorige Jahrhundert hinein –, hat sich immer aufs neue gezeigt, daß nicht etwa durch technische Beratungen am Diplomatentisch eine Entspannung zu erreichen ist, sondern daß vielmehr umgekehrt eine deutliche Entspannung, ja, ein Gefühl des gegenseitigen Vertrauens unentbehrliche Voraussetzung ist für jegliches sinnvolle Gespräch über Abrüstungsprozeduren. Wo wütende Raketendrohungen zum Mittel der Politik geworden sind, da gibt es kein Fünkchen Hoffnung mehr für die Abrüstung, sondern nur noch jene Funken, die bedrohlich ein fatales Pulverfaß umschwirren.

In der politischen Schönwetterperiode, die dem Camp-David-Treffen der großen Zwei folgte, sah es eine Zeitlang so aus, als könnte man auch in der Abrüstung um ein paar Schritte vorangelangen. Beide Seiten einigten sich darauf, daß eine paritätisch beschickte Zehn-Mächte-Konferenz in Genf nüchtern an die Arbeit gehen sollte. Kaum hatten indes die Beratungen begonnen, da zeigte sich, daß hinter den neuen Vorschlägen flugs die alten Querelen auftauchten: Die Sowjets warfen dem Westen vor, er wolle eine Kontrolle ohne Abrüstung, und der Westen warf den Sowjets vor, sie wollten eine Abrüstung ohne Kontrolle. Drei Monate drehte sich die Konferenz im Kreise, dann gingen die östlichen Herren einfach davon.

Worum es nun zur Stunde geht, ist nicht die Frage, wie man vernünftigerweise wieder ins Gespräch kommen könne, sondern es ist allein der Streit, wer nach dem Tode der Abrüstungsverhandlungen das Staatsbegräbnis inszenieren darf und wer als Attentäter gebrandmarkt werden soll.

Cabot Lodge, der soeben zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten avancierte amerikanische UN-Delegierte, hat Dr. Luis Padilla Nervo, den mexikanischen Präsidenten des UN-Abrüstungsausschusses gebeten, den Ausschuß im August zu einer Sitzung einzuberufen. Thema: Das Fiasko von Genf. Nervo setzte alles daran, eine Mehrheit der Mitglieder dafür zu gewinnen, daß die Tagung am 16. August stattfindet. Wenn es heißt: die Mehrheit, so bedeutet dies: die Mehrheit der UN-Staaten‚ denn in diesem Ausschuß, der vor ein paar Jahren sein kränkelndes Leben begann, hat jedes Mitglied der Weltorganisation einen Sitz.

Nun denken die Diplomaten der Vereinigten Staaten natürlich nicht im Traum daran, daß dieser New Yorker Ausschuß der Zweiundachtzig in jenen sachlichen Fragen etwas erreichen könnte, an denen die Genfer Konferenz der Zehn scheiterte (zumal der Osten die Sitzung wohl boykottieren wird). Sie drängen – mit der Unterstützung ihrer britischen, französischen, italienischen und kanadischen Kollegen – aus einem anderen Grund auf die Sitzung des Abrüstungsausschusses. Wenn nämlich in der zweiten Septemberhälfte die UN-Vollversammlung wieder zusammentritt, dann haben inzwischen die jungen afrikanischen Staaten ihren Einzug in den Glaspalast am East River gehalten. Und unter dem Zeichen der neuen, noch unsicheren Mehrheitskonstellation wollen die Westmächte weder ihren letzten Abrüstungsvorschlag: den sie in Genf nicht mehr losgeworden sind, gleichsam nachträglich als Alibi vorlegen, noch den Versuch wagen, der Sowjetunion im UN-Zirkel die Schuld für den Genfer Fehlschlag aufzubürden.