England befürchtet eine Schwerpunkt-Verlagerung auf die EWG

Von Francesco Kneschaurek

In den britischen Kommentaren über die gegenwärtigen Integrationsbestrebungen in Westeuropa schwingt nicht selten ein besorgter Unterton mit: er ergibt sich aus dem Umstand, daß die englische Volkswirtschaft dem Wachstumsrhythmus der EWG-Länder bisher nicht zu folgen vermochte. Man befürchtet daher von Seiten Englands eine immer weitergehende Schwergewichtsverlagerung der wirtschaftlichen und somit indirekt auch der politischen Machtposition vom Inselreich weg hinüber nach dem Kontinent.

Die britische Volkswirtschaft ist, obschon sie vom weltweiten wirtschaftlichen Wachstumsprozeß der Nachkriegsjahre nicht unberührt blieb, doch bei weitem nicht so rasch gewachsen wie die meisten Volkswirtschaften des Kontinents. Noch erstaunlicher ist indessen die Tatsache, daß dieses Nachhinken Großbritanniens im Rahmen des weltwirtschaftlichen Wachstumsprozesses sich keineswegs auf die Nachkriegszeit beschränkt, sondern daß es sich hierbei um ein 50 und mehr Jahre zurückreichendes Phänomen handelt.

Hoher Entwicklungsstand

Es steht außer Zweifel, daß England als erstes Land der Welt jenen Zustand der wirtschaftlichen Reife zu erreichen vermochte, der durch einen hohen durchschnittlichen Wohlstand, einen hochentwickelten Industrie- und Produktionsapparat und eine vollausgebaute Schwerindustrie charakterisiert ist. England war um die Jahrhundertwende allen übrigen Staaten der Welt industriell voran und weist auch heute noch das größte Industriepotential aller westeuropäischen Länder auf.

Westdeutschland hat nun zwar England nahezu eingeholt. Sein Industriepotential (gemessen an der in Milliarden Dollar berechneten Industrieproduktion) entspricht zur Zeit 90 vH des englischen Potentials. Hingegen erreicht die französische Industrie auch heute erst 60 vH und die italienische nur 45 vH des englischen Industriepotentials. Der relativ stärkere Anstieg der industriellen Produktion auf dem Kontinent läßt sich somit zum Teil aus der Erfahrung erklären, daß ein Land in den ersten Phasen seiner industriellen Entwicklung leicht hohe Wachstumsraten zu erzielen vermag, aber mit zunehmender "Reife" immer größere Schwierigkeiten hat, die ursprünglichen Wachstumsraten aufrechtzuerhalten.