Farben ohne Zahl! Ich werde in eine Ölfarbenfabrik einheiraten. Meine Frau wird mir je tausend Tuben Umbra, Ocker, Kobalt, Kremserweiß und Krapplack in die Ehe bringen. Meine Frau wird die Eckige, Frenetische, Heiße sein. Sie soll meilenlange Arme haben, mich fest an sich zu wickeln. Wir wollen uns in die enge Bettstatt pferchen, Ida, und von gebrannter Umbra träumen. Deinen Kopf werde ich dir abbeißen und Fangeball spielen in meinen grellen, zügellosen Nächten."

Es war gegen Ende des Ersten Weltkrieges und in Berlin, daß der Maler und Schriftsteller Ludwig Meidner so überschwenglich und ekstatisch – und nicht nur von gebrannter Umbra – träumte. Er malte, zeichnete, schrieb Prosa und dichtete. Seine Bücher erschienen zwischen 1920 und 1929 bei Kurt Wolff, Paul Cassirer und im Euphorion-Verlag. Aus ihnen traf jetzt Hans Maria Wingler eine kleine Auswahl –

Ludwig Meidner: "Hymnen und Lästerungen"; Albert Langen/Georg Müller Verlag, München; 64 S., 3,80 DM.

Der kleine Band erscheint in einem Augenblick, da für die Werke der Expressionisten auf dem internationalen Kunstmarkt Preise gezahlt werden, die die Expressionisten sich damals in ihren "grellen, zügellosen Nächten" nicht hätten träumen lassen. Die Zeit zu Ende des Ersten Weltkrieges und die inzwischen erinnerungsverklärten "roaring twenties" waren nicht nur ihre köstlichsten, sie sind heute, was ihre Wertschätzung betrifft, auch ihre kostbarsten Jahre.

Diejenigen der Expressionisten, die heute noch am Leben sind, wurden zu anderen Menschen. Jugendliche Ekstase kann nicht zu Jahren kommen. Der eigenen jugendlichen Kunst-Gestalt nachtrauern und mit dem Namen eines nicht mehr Lebenden leben, ist eine Möglichkeit; sich verwandeln die andere.

Meidner, stiller geworden, heute ein orthodoxer Jude von fünfundsiebzig Jahren, lebt, aus der Emigration in England zurückgekehrt, heute zurückgezogen in einem Taunusdorf. Er malt und zeichnet noch leidenschaftlich, aber die Leidenschaft ist anderer Art und gilt anderen Objekten: "Die Natur ist wunderbar, man braucht sie nur abzumalen, und das tue ich nun; ich male jeden Tag in unserem versilberten, prächtigen Garten Landschaften. Ich bin ein Ganzgenau-Maler geworden und male alles mit, was ich sehe, und was ich nicht sehe, male ich nicht mit."

So zu lesen 1960 in einem Brief des Malers, der vor 40 Jahren schrieb: "Man muß sich fest einschließen in vier aschengraue Atelierwände... und eine Donnerwetter-Palette in der Faust haben. Ich denke mir die großartigsten Dinge aus,... denn der Geist ist alles, die Natur kann mir gestohlen bleiben ..." Ruth Hermann