Von Ernst Stein

Wenn nicht vor zweihundert Jahren ein schwärmerischer Schönheitssucher, der einen Tod von grauenvoller Häßlichkeit fand, wenn nicht Winckelmann der Antike "edle Einfalt und stille Größe" nachgerühmt hätte – wie gut könnten wir uns mit dem Klassischen unterhalten! Zu einer Zeit, in der das Edle und das Große rings um ihn geradezu wild gedieh, suchte er es in verflossenen Jahrtausenden, und diesem halbgewollten Irrgang haben wir es zuzuschreiben, daß uns die Antike gipsern anblickt aus leeren Augenhöhlen, von denen die Farbe abgefallen ist.

Aber manchmal schlägt sie die Augen auf und – wir trauen den unsern kaum! – zwinkert uns verschmitzt zu, mit allen Salben geschmiert, schwellend von einer ambrosischen Unanständigkeit, vor der sämtliche existentialistische Schmutzwäsche harmlos aussieht wie ein Tintenwischer. Es steckt tiefere Unmoral im Petronius als im ganzen Genet, den bei jeder Schweinerei ein lyrisches Zittern befällt; mehr verfängliche Nacktheit in "Daphnis und Chloe" als in den graffiti Cocteaus; und alle Falschmünzerei Gides reicht nicht an das Edelmetall des

Apulejus: "Der Goldene Esel"; übertragen von August Rode, herausgegeben von Horst Rüdiger, illustriert von Hans Erni; Manesse Verlag, Zürich; 564 S., 13,30 DM.

Die "Metamorphosen" des Apulejus, der aus Algerien stammte wie Camus, vor achtzehnhundert Jahren geschrieben, erhielten ihren berühmteren Titel von einem anderen Landsmann, der den Eselsroman hochschätzte. Es war der heilige Augustinus. "Golden" nannte er ihn, wie man Dantes "Komödie" göttlich nannte – aus Bewunderung. Dieser Apulejus war ein hochangesehener, aber auch vielverdächtigter, weitgereister Mann, dem man etwas wie Heiratsschwindel und jegliche Zauberei nachsagte; er hat viel geschrieben, wovon uns wenig erhalten blieb; er war ein in allen Künsten beschlagener Stilist und ein mit allen Gaben der Natur bedachter Erzähler.

Es wäre töricht zu behaupten, daß der "Goldene Esel" nach achtzehnhundert Jahren modern anmutet, vor allem wäre es unerwünscht. Modern läßt sich nur vor einem zeitlosen, unbefristet gültigen Hintergrund sein, und hier haben wir eine in allen Farben des Lebens leuchtende Raute dieses großen Mosaiks. In die Geschichte des jungen Mannes Lucius, der, in einen Esel verwandelt, tätiger Augen- und namentlich Ohrenzeuge einer gesegneten Liederlichkeit wird, ist eines der berühmtesten Märchen der Weltliteratur eingelegt, die Erzählung von Amor und Psyche, ausgebeutet und nie erschöpft von der Kunst, der Dichtung und der Psychoanalyse. Sonderbarerweise haftet gerade ihr etwas Gips an; sie hat die edle Einfalt, die stille Größe, aber vielleicht fassen wir das Erhabene menschlich erst, wenn wir ihm zuweilen die Zunge herausstrecken; vielleicht stand Offenbach der göttlichen Zügellosigkeit der Antike näher als Winckelmann.

Die Übersetzung von August Rode ist selbst ein klassisches Werk, wie es ihrer Zeit entspricht. Rode war ein Zeitgenosse Goethes; es war die Zeit der Übersetzungen von Heinse und Wieland, die Zeit, die sich Freiheiten mit den großen Originalen gestatten durfte, weil sie ihnen verwandt war. Und wie der in allen Sätteln gerechte Stilkünstler Apulejus verstand sich auch sein Übersetzer Rode auf ein Barock, das allem Gemachten, ein Rokoko, das allem Gedrechselten fern war, und zwischendurch setzt er einen kraftgenialischen Rettich vor, denn er war auch ein Mann des Sturmes und Dranges. Übrigens hat vor mehr als dreißig Jahren ein zu unserer Schande vergessener Dichter, ein großer Epigone und vorbildlicher Erzähler, Albrecht Schaeffer, den "Goldenen Esel" neu übersetzt, aber es wirkte künstlicher, einem Stilprinzip verfallen, das der Zeit zuwiderlief – offenbar hat jede Zeit die Übersetzer, die sie verdient und die an ihr so wenig verdienen,