Das Frohlocken skandinavischer Blätter über die für das Scandinavian Airlines System (SAS) ungewöhnlich günstige Interimslösung im Luftrechts-Streit zwischen der Bundesrepublik und Skandinavien ist ebensowenig angebracht wie die hierzulande laut gewordene Kritik über Inkonsequenz des Unterhändlers, Botschafters Lahr. Der Botschafter hat als Nichtfachmann bravourös argumentiert. Daß Bonn schließlich auf den Thailand-Trick der Verhandlungspartner einging, obgleich landauf, landab die finanzielle Verflechtung des thailändischen Luftverkehrs mit dem SAS bekannt ist, sollte als eine praktisch nicht bedeutungsvolle Geste gegenüber dem auf Besuch weilenden thailändischen Königspaar gewertet werden. Die Antwort Bonns auf skandinavischen Druck war Konzilianz.

Dennoch gehen die Verhandlungen nach einer Ferienpause weiter. Und es wäre verfehlt, nun anzunehmen, daß die Langmut der Bundesregierung angesichts der Lufthansa-Verlustquote von 1959 (fast 40 Mill. DM) unbegrenzt ist – da gleichzeitig feststeht, daß das SAS nach eigenen Angaben pro Jahr Einnahmen in derselben Höhe mit dem Deutschland-Geschäft erzielt. Überdies wird die internationale Kritik an dem Luftverkehrs-Torso über dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik – das nach 1945 zum Tummelplatz von 30 Luftverkehrsunternehmen neben der Lufthansa geworden ist – erst verstummen, wenn die laufenden Verträge durch zwischenstaatliche Abkommen ersetzt worden sind, die sich nach den allgemeingültigen Prinzipien der Reziprozität in der Ausübung von Luftverkehrsrechten richten.

Insofern kann schon aus grundsätzlichen Erwägungen keine Rede mehr von der Aufrechterhaltung jener Kompromißvorschläge sein, die vom skandinavischen Verhandlungspartner abgelehnt worden sind, wenn es darum geht, für den Winterflugplan endgültig die Rechtsverhältnisse gegenüber den skandinavischen Ländern neu zu gestalten. Der absoluten reziproken Abwicklung aller Nachbarschaftsdienste im Punkt-Punkt-Verkehr wird seitens der Bundesrepublik ebenso energisch das Wort geredet werden wie der Einstellung so gut wie aller Transitrechte des SAS nach dem Nahen und Fernen Osten und über den Nordatlantik. Denn es wäre "Selbstmord" für die Lufthansa – um in skandinavischer Terminologie zu sprechen –, sich angesichts der verkehrsarmen Wintermonate (und des beginnenden Einsatzes der Boeing 707 auf der Fernoststrecke) weiterhin mit jenen Zugeständnissen zu identifizieren, die dem SAS ein ungestörtes Sommergeschäft in Westdeutschland bescherten.

Die während der Verhandlungen vorgebrachten Drohungen sind bloß geeignet, das bisher ausgezeichnete Verhältnis zu unseren nordischen Nachbarn zu belasten. Was auszuschöpfen war, konnte das SAS ausschöpfen. Eine Geste aus dem Norden wäre jetzt mehr als wohltuend für die Bundesrepublik. Nach wie vor ist zu betonen, daß nach einer Einigung auf luftverkehrsrechtlicher Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der Lufthansa und dem SAS nichts im Wege steht.

Kurt W. Streit