Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn es nur darum ginge, im Kongo ohne gelernte Verwaltungsbeamte zu regieren, ohne Ärzte Krankenhäuser zu betreuen, ohne Techniker Eisenbahnen, Fabriken, Wasserwerke in Gang zu halten, und aus leeren Kassen Gehälter zu zahlen, was alles nur mit den Fähigkeiten eines Zauberkünstlers zu bewerkstelligen ist – wenn es nur allein darum ginge, müßte man schon verzagen. Aber dies alles sind ja Probleme, über die einstweilen noch gar niemand spricht, weil sie von weit gefährlicheren überlagert werden.

Da ist Lumumba, der in einem Lande, in dem kaum jemand über die Grenzen seines Stammes hinaus Autorität genießt (und das überdies fast so groß wie Westeuropa ist), mit allen Mitteln einer heterogenen, inkompetenten Zentralregierung Gewicht verschaffen will, während Provinzregierungen, Parteien und allerlei Organisationen darüber nachsinnen, wie sie sich bei der ersten Gelegenheit von dieser Zentralregierung distanzieren können.

Da sind die Belgier, die mit aller Gewalt Einfluß auf die von ihnen erschlossenen Reichtümer behalten wollten und die nun Hals über Kopf alles preisgeben und den Rückzug auch aus dem Treuhandgebiet Ruanda Urundi befohlen haben. Am Dienstagmittag wurde die belgische Trikolore am Mast des Botschaftsgebäudes eingeholt. Botschafter van den Bosch verließ das Gebäude, die Hauptstadt, das Land und fuhr über den Fluß, der fast acht Jahrzehnte die Grenze des großen, stolzen belgischen Imperiums gewesen war, hinüber nach Brazzaville. Was wird bleiben vom Blut und Schweiß dreier Generationen Belgier?

Da sind ferner die Russen, die finster entschlossen sind, alles zu tun, um bei dieser Gelegenheit in Afrika Fuß zu fassen. Da ist Nkrumah, der meint, die Zeit sei gekommen, etwas für seine Lieblingsidee Panafrika zu unternehmen, und da ist schließlich die UN, als Ruhestifter ins Land gerufen und nun abwechselnd von Lumumba, Tschombe und den Belgiern kritisiert, beschimpft, bedroht.

Jeder einzelne von diesen allen verfolgt ein anderes Ziel. Für jeden sieht jede Stunde alles wieder anders aus. An einem Tage scheint Lumumba mitsamt seiner Zentralregierung von den Ministerpräsidenten der Provinzen bereits ausmanövriert, am nächsten Tage ruft er den Ausnahmezustand aus, stellt der UN und den Belgiern Ultimaten und scheint wieder ganz obenauf. Konstant in diesem ewig wechselnden Bild sind nur die schweren Wolken, die darüber hängen, und der Hintergrund von Anarchie und Chaos.

Der Sicherheitsrat ist in dieser Situation der einzige, der noch Beschlüsse fassen kann, die mit einiger Wahrscheinlichkeit ausgeführt werden. Sein Beschluß – anfangs dieser Woche gefaßt – lautet: Sofortiger Abzug der belgischen Truppen auch aus Katanga, aber keinerlei Einmischung in die innere Verwaltung der Provinz. Noch in der vorigen Woche, als Hammarskjöld von Leopoldville aus die gleichen Anordnungen traf, erklärte Tschombe, er werde den Einmarsch der UN-Truppen notfalls mit Gewalt verhindern. Jetzt, da die belgischen Soldaten zurückgezogen werden, Tschombe also seinen Rückhalt verliert, setzt er dem Einmarsch keinen Widerstand mehr entgegen. Freilich ist auch noch gar nicht klar, ob der Ministerpräsident in der Lage sein wird, ohne die Belgier überhaupt weiterzuregieren.

In der nächsten Phase wird sich alles auf die Frage konzentrieren, die schon die Table Ronde in Brüssel beschäftigte: Bleibt der Kongo eine Einheit, oder fällt er in verschiedene Teile auseinander?