Am 6. August ist das Steueränderungsgesetz 1960 in Kraft getreten. Nach Ansicht des "Instituts Finanzen und Steuern" in Bonn widerspricht das neue Gesetz wesentlichen steuerrechtlichen Grundsätzen. Zweifellos ist es von einer z. T. nicht zu verantwortenden Kompliziertheit, wodurch das Einkommensteuerrecht noch unübersichtlicher wird. Das Steueränderungsgesetz segelt unter dem Motto "Konjunkturdämpfung". Daß das eine falsche Flagge ist, geben allmählich auch seine Väter zu, die aber damit zufrieden sind, ein nach ihrer Ansicht "wahlwirksames" Gesetz geschaffen zu haben. Gegen das Spesenunwesen zu Felde zu ziehen, ist schon immer populär gewesen; das gleiche gilt für die Beschränkung der Selbstfinanzierung und für die Einengung von Börsengewinnen ... Aber beschäftigen wir uns mit den Konsequenzen, die das neue Gesetz bringt.

Drei neue Bestimmungen treffen den Aktiensparer unmittelbar: 1. Die Herabsetzung des degressiven Abschreibungssatzes. 2. Die Kürzungder Zuführung zu den Pensionsrückstellungen. 3. Die Heraufsetzung der Spekulationssteuerfrist von drei auf sechs Monate. Zu den beiden ersten Punkten ist zu sagen, daß den Gesellschaften die Möglichkeiten, steuerfrei Reserven zu bilden, beschnitten werden. Ob es tatsächlich Reserven sind, mag dahingestellt bleiben; auf alle Fälle wird künftig der steuerpflichtige Gewinn größer. Nach einer groben Schätzung macht der zusätzlich auszuweisende Gewinn im Durchschnitt 1 bis 2 Prozent des jeweiligen Aktienkapitals aus. Ich bin nicht so optimistisch, anzunehmen, daß die Dividenden aus diesem Grunde im gleichen Maße steigen werden. Bei der einen oder anderen Gesellschaft wird dieser Umstand aber sicherlich dazu beitragen, den Entschluß für eine Dividendenerhöhung zu erleichtern.

Einschneidend ist die Verlängerung der Spekulationssteuerfrist von drei auf sechs Monate. Wenn Aktien für das Privatvermögen Steuerpflichtiger am 6. August oder danach erworben werden, so ist ein Kursgewinn bei einem Verkauf dieser Aktien einkommensteuerpflichtig, wenn der Verkauf dieser Aktien innerhalb der 6-Monats-Frist erfolgt. Kursgewinne auf diese Aktien im Privatvermögen sind beim Verkauf nach Ablauf der 6-Monats-Frist nicht steuerpflichtig. Aktien im Privatvermögen, die vor dem 6. August 1960 erworben sind, können wie bisher nach Ablauf von drei Monaten verkauft werden, ohne daß ein Kursgewinn versteuert zu werden braucht.

Gewinne aus "Spekulationsgeschäften" bleiben steuerfrei, wenn der Gesamtgewinn 1000 DM im Jahr nicht übersteigt, oder Kursverluste aus Verkauf en von Aktien, die weniger als sechs Monate (bzw. drei Monate) gehalten wurden gegen Spekulationsgewinne aufgerechnet werden und der Saldo dann weniger als 1000 DM beträgt. Machen allerdings die Spekulationsgewinne mehr als 1000 DM innerhalb eines Jahres aus, muß der Gesamtbetrag versteuert werden.

Aus diesem Tatbestand ergeben sich einige Überlegungen, mit denen ich Sie bekanntmachen möchte. Es ist natürlich recht ärgerlich, wenn Sie am Jahresende feststellen müssen, daß bei Ihnen der Gewinn aus "Spekulationsgeschäften" (bei denen Sie die jeweiligen Sperrfristen nicht innegehalten haben) beispielsweise 1050 DM beträgt. Dann müssen Sie die vollen 1050 DM Ihrem steuerpflichtigen Einkommen hinzuschlagen. Wegen 50 DM haben Sie folglich unverhältnismäßig viel Steuern zu zahlen. In solchen Fällen ist es dann nützlich, Aktien auch einmal mit Verlust zu veräußern. Den Verlust können Sie gegenrechnen. Der Saldo liegt dann unter 1000 DM und ist wieder völlig steuerfrei. Diese Überlegungen spielen jedoch erst am Jahresende eine Rolle.

In diesem Jahr wird mancher von Ihnen bereits sehr hart an die 1000-DM-Grenze herangekommen sein. Denn an "heißen Börsentagen" lag es nahe, ohne Rücksicht auf die Spekulationssteuerfrist Gewinne sicherzustellen. Zugegeben, das war nicht immer richtig, denn meist sind die Papiere nach kurzer Zeit weiter gestiegen. Aber an mitgenommenen Gewinnen ist noch keiner gestorben! Das gilt insbesondere für Leute, die nicht langfristig disponieren, sondern versuchen, mit Hilfe der Börse ihr Einkommen etwas aufzufrischen. Wer das obendrein noch unter Inanspruchnahme von Krediten macht, sollte sich nicht allzusehr um die steuerlichen Sperrfristen kümmern, sondern – auch wenn es bitter ist – das Finanzamt mitverdienen lassen. Kommt es einmal zu einer Schwächeperiode oder zu einem Kursrückschlag in diesem oder jenem Papier, dann kann der Kursverlust größer sein als der Betrag, den man bei rechtzeitig realisierten Gewinnen zum Finanzamt tragen muß. Und noch etwas: Wenn Sie Aktien einer Gesellschaft zu verschiedenen Zeitpunkten erworben haben und Sie stoßen einen Teil später wieder ab, dann geht das Finanzamt grundsätzlich davon aus, daß Sie die zuletzt gekauften Aktien abgegeben haben. Bei der Berechnung der Spekulationssteuerfrist ist das natürlich ungünstig. Um eine klare Trennung zwischen zuerst und zuletzt gekauften Aktien herbeizuführen, ist es ratsam, für Ehemann und Ehefrau getrennte Wertpapierkonten zu führen. Wenn Sie seit längerer Zeit Aktien der Gesellschaft A besitzen und später den Bestand vergrößern wollen, dann veranlassen Sie Ihre Ehefrau (oder Ehemann) diese Aktien auf Konto zu nehmen. Bei einer etwaigen Veräußerung sieht das Finanzamt dann ohne weiteres, was unter Innehaltung der Spekulationssteuerfristen geschieht und was nicht.

Bis zur nächsten Woche! Ihr Securius