Lord Russell of Liverpool, von 1946 bis 1951 in hoher juristischer Stellung bei den britischen Streitkräften in der englischen Besatzungszone, dann später bekanntgeworden als Verfasser des Buches „Die Geißel des Hakenkreuzes“, besuchte kürzlich nach neun Jahren zum ersten Male die Bundesrepublik, um Menschen und Verhältnisse an Ort und Stelle zu studieren. Er kam dabei im großen und ganzen zu sehr positiven, für uns erfreulichen Feststellungen, die er fair und freimütig in englischen Blättern darlegte. Hier und da begegnete er freilich auch einem jener Unbelehrbaren, die die Greueltaten des Naziregimes auch heute noch nicht wahrhaben wollen.

Zu diesen unrettbar Blinden gehört.der ehemalige General Unrein, der seit Jahren im Dienste der Amerikaner steht. Er befehligt deutsche Zivilisten, die Einrichtungen der amerikanischen Armee zu bewachen haben. Zu seinem Wirkungsbereich gehört auch das Gelände des früheren Konzentrationslagers Dachau. Unrein hätte sich also längst durch den Augenschein von den Schandtaten überzeugen können, die dort im Hitlerreich begangen wurden, aber er will die Wirklichkeit, die ihm unbequem ist, nicht zur Kenntnis nehmen.

Die Gaskammer – für ihn ist sie ein Duschraum. Über der Tür stehe ja „Brausebad“. Daß das nur zur Täuschung der unglücklichen Opfer, die dort hingeführt wurden, angeschrieben worden war, läßt er nicht gelten. Wäre es eine Gaskammer gewesen, so schließt er, dann hätten die Amerikaner einen entsprechenden Vermerk angebracht.

Und überhaupt: „Sechs Millionen Juden in ein paar Öfen zu verbrennen? Da hätte man ja schon im Jahre 1906 damit anfangen müssen Daß die Schergen Hitlers nicht nur in Dachau gewütet haben, sondern auch in Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald und wie die Schreckensorte alle hießen, das macht auf Unrein keinen Eindruck. Für ihn wurden in den Gasöfen Dachaus nicht die Opfer Hitlers verbrannt, sondern die Gefangenen der Amerikaner, nämlich die Leichen der in Dachau verstorbenen SS-Soldaten. Und deshalb wurden auch, so kombiniert er weiter, diese Gasöfen nicht von den Nazis, sondern von deutschen Kriegsgefangenen auf Befehl der Amerikaner erst nach dem Kriege erbaut. Dies und anderes mehr gab er dem englischen Besucher zum besten.

Die Beispiele genügen, um die Haltung dieses Mannes zu charakterisieren. Wir möchten, obwohl wir uns sonst nicht in ihre Angelegenheiten einmischen, den Amerikanern also den Rat geben: weg mit diesem Mann. Er hat in ihren und unseren Reihen wirklich nichts zu suchen. R. S.