Offensive gegen die Lebensgier – Eine Botschaft des Papstes – Der 37. Eucharistische Kongreß

Von Walter Abendroth

Eine Woche lang war München Schauplatz des 37. Eucharistischen Weltkongresses. (Eucharistie: griechisch "Danksagung".) Der letzte Kongreß hatte 1955 in Rio de Janeiro stattgefunden, der vorletzte 1952 in Barcelona. Eine Woche lang standen in München die Verkündigung und die Verkünder des Christentums im Vordergrund des öffentlichen Lebens. Das wahrhaft Außerordentliche an diesem Treffen der ganzen katholischen Welt war, daß seine stärksten Wirkungen nicht von dem überwältigenden Glanz des äußeren Geschehens ausgingen, sondern von dem Eindruck, des tiefen Ernstes und der Verantwortungsbereitschaft aller Teilnehmer. So erhielt die respektgebietende Repräsentation einer bald zweitausendjährigen Geistesmacht ihre eigentliche Legitimation erst durch den Beweis ihrer Aktualität. Münchens Oberbürgermeister Dr. Vogel kleidete diese Feststellung in die Worte, der Kongreß sei "ein Zeichen für den legitimen Anspruch der Kirche, in der modernen Gesellschaft präsent zu sein".

Durch alle offiziellen Ansprachen, alle Predigten und Tagungsreferate zog sich wie ein roter Faden die Erklärung, daß dieser Kongreß der Erhaltung des Friedens, der Versöhnung der Völker, der Ausbreitung echter christlicher Liebe dienen solle. Dahinter stand, ebenfalls immer wieder mahnend heraufbeschworen, die Bedrohung unserer Welt und unseres Lebens durch die Mächte des Atheismus, des Materialismus, der Gewalt und der Unmenschlichkeit. Hier war also eine deutliche Frontstellung bezogen.

Wie ein Symbol dafür muteten auch zwei Filmplakate an, die während der Kongreßzeit Besucher warben: in drei Kinos lief der dreiteilige Farbfilm "Der Weg des Herrn", eine diskrete, schlichte Darstellung des Erdenlebens Christi, in Spanien gedreht (Hersteller: Pater Patrick J. Peyton, der sich selbst als "Hausierer mit dem Rosenkranz" bezeichnet), in zwei anderen Kinos gab es Erwin Leisers Dokumentarfilm "Mein Kampf" über Adolf Hitler. Auf diese Weise waren Christ und Antichrist eindrucksvoll konfrontiert und stellten sich dem vergleichenden Urteil. Die Leere zwischen diesen Extremen wurde gelegentlich mitten im Gedränge der verstopften Straßen und Plätze sichtbar und hörbar. Eine elegante Touristin betrachtete auf dem Marienplatz die feierliche Begrüßung des Päpstlichen Legaten, den festlichen Aufzug der Kirchenfürsten aller Farben und Rassen, und stellte dann die staunende Frage: "Gibt’s denn so was noch?" Eine Mischung von Befremden und Bewunderung spiegelte sich auf den Gesichtern der unbeteiligten, zufälligen Augenzeugen. Daß es "so was immer noch gibt", stimmte immerhin den einen oder anderen nachdenklich

Von den vielen weißen, gelben oder schwarzen Kutten- und Sutanenträgern, die gruppenweise oder ein wenig hilflos vereinzelt sich im Getriebe der fremden Stadt zurechtzufinden suchten, trugen manche neben dem Kongreßabzeichen eine kleine silberne Möwe am Gewand: die Gäste der Aktion Silbermöwe", einer großzügigen Opfersammlung, die der bayerische Landtagsabgeordnete Dr. Hans Merkl angeregt hatte, um Missionaren und Geistlichen aus armen Diözesen, besonders aus den "Entwicklungsländern", Fahrt und Aufenthalt zu ermöglichen. Sogar Kardinäle und ein Patriarch waren unter diesen Gästen, zu denen Inder, Eskimos, Feuerländer, Kopfjägerpriester und Kanakenschwestern gehörten. Dr. Merkl hatte einen guten Grund für diese schwierige Organisationsarbeit; er sagte: Es hängt von der Arbeit jener Glaubensboten ab, "ob die Welt morgen gläubig oder gottlos sein wird".

Wie ernst diese große Zukunftsfrage genommen wird, das bestätigte auch ein Satz aus der Predigt des Erzbischofs von München-Freising, Kardinal Wendel, beim ersten feierlichen Meßopfer unter freiem Himmel auf dem Odeonsplatz: "Daß Gott, wenn er den Tod einmal über die ganze Menschheit verhängen wollte, nicht einmal mehr Feuer und Schwefel vom Himmel regnen zu lassen, sondern nur noch die Menschen sich selbst zu überlassen brauche." Eine Einsicht, die man in etwas anderer Terminologie auch schon aus dem Munde manches philosophischen Denkers hören kann.