Von Johannes Jacobi

Acht Werke Richard Wagners umfassen in diesem Jahre die Bayreuther Festspiele, darunter eine Neuinszenierung des ganzen Nibelungenrings durch Wolf gang Wagner. Vier zu vier steht damit der künstlerische Anteil der Brüder Wieland und Wolfgang. Jetzt sind also die Aufführungen auch dynastisch ausgependelt zwischen den beiden Erbprinzen von Bayreuth, die das Festspielhaus von ihrer Mutter, der alleinigen Besitzerin, vorerst gemietet haben.

Es fragt sich nun, wie der schon in den Sprachgebrauch aufgenommene "Neubayreuther Stil" nach dem brüderlichen "Ring"-Wettkampf aussieht. Ist er ein anwendbares Modell?

Wer außer der Novität dieses Sommers, eben dem "Ring des Nibelungen", auch die Wieland-Inszenierungen noch einmal abgesessen hat, der war einerseits beeindruckt vom ständigen Brodeln im Hirn dieses Inszenators. Zum anderen zeichnete sich mit zunehmendem Abstand doch so etwas wie eine Wieland-Linie ab.

Gebrodelt hat es vor allem bei den "Meistersingern von Nürnberg". Zunächst hatte der Regisseur den zweiten Akt geändert: die blau im Nichts schwebende "Weltraum-Niere" mit zier lichen Geländerchen abgegrenzt und in die Som mernachts-Traumstimmung Nürnberger Häuser konturen eingezeichnet. In diesem Jahre nur schwebte kokett unter der Holunderkugel ein woh als Sinndeutung gemeintes Amörchen. Dazu kan ein zweiter größerer Eingriff. Die im Kritiker munde als "Operationssaal" bewitzelte "Festwiese" des dritten Aktes – Eva als Preisbraut, dargestell wie das Präparationsobjekt in einem Auditoriun maximum – diese überkühne Werkdeutung wurd von Wieland Wagner völlig fallengelassen. Von "Wiese" zwar noch immer keine Spur, doch durf ten die Zünfte wieder einmarschieren. (Jahrelang waren sie durch einen parodistischen Gaukler er setzt worden.) Als Bühne sieht man einen grüi angeleuchteten Kasten mit blauem Fußboden, dar auf ein schräges Podium: das "Volk" besteigt er von hinten. In der Bühnentiefe ein Bild von Nürnberg, gemalt wie von Kokoschka. Im Vorder gründe aufgehängt, ein spätgotischer Bogenfries aus dem stilisiertes Blattgrün sprießt.

Vom strahlenden C-Dur ließ diese "Festwiese" keinen Hauch verspüren. Außerdem kam diesen reglementierten "Volk" keinerlei Richterfunktioi zu, wie sie von Hans Sachs ausdrücklich prokla miert worden ist. Das Wahlergebnis stand schon vorher fest. Schließlich wurde der Regisseur de Gefangene seiner eigenen Kaderbildung: ausgerech net vor dem "Wach auf"-Chor brachte er kein spontane Volksbewegung zustande. Die als Über raschung gedachte Huldigung an Sachs verlief wir die Programmnummer eines Staatsaktes.

Aufschlußreicher als die Stilmischung der "Mei stersinger"-Inszenierung sind für die Erkenntnis der Wieland-Komponente im Neubayreuther Stil "Parsifal" und "Lohengrin". Ungeachtet ihrer dramaturgischen und musikalischen Verschiedenheit, hat der Regisseur beide Werke auf den Hauptnenner "Gralsdramen" gebracht und von da her seine eigenen Symbole konstruiert. Sie verschmelzen mit dem Werk im "Parsifal", den "Lohengrin" steilen sie um einer Regie-Idee willen auf den Kopf.