In Belgien, auf dem Rückweg von einer Dienstreise nach Paris, verunglückte am 19. Juli unser Freund und Mitarbeiter Dr. Paul Hühnerfeld: bis 1957 Feuilletonchef, bis zu seinem Tode Literaturkritiker der ZEIT, Autor der Bücher „Macht und Ohnmacht der Medizin“ (1955), „Kleine Geschichte der Medizin“ (1956), „Zu Unrecht vergessen“ (Anthologie, 1957), „In Sachen Heidegger“ (1959) sowie zahlreicher Rundfunkhörspiele, -hörfolgen und Kinderbücher. Sein Wagen prallte bei dem Versuch, einem unerwartet nach links abbiegenden Mopedfahrer auszuweichen, gegen einen Baum. Die Kunst der Ärzte reichte nicht aus, den Schwerverletzten am Leben zu halten. Er starb, bei der zweiten Operation, am letzten Sonnabend, dem 13. August, im Hamburger St.-Georg-Krankenhaus.

Paul Hühnerfeld und die ZEIT

Damals war „Nachkrieg“, aber einige munkelten schon vom Hungerende, von einer „Währungsumstellung“, von besseren Zeiten, die kommen müßten. Vorerst noch waren wir, so wie ein Mensch festfrieren kann, in unseren Redaktionsstuben „festgehungert“. Und wie ein Festgefrorener nicht leicht an Tauwetter glaubt, so wir nicht an gedeckte Tafeln.

In dieser Zeit erhielten wir Manuskripte von einem Autor, der seine Adresse „postlagernd“ angab. Es waren Nachkriegsgeschichten – unvollkommen in der Form, wie wir fanden, aber genialisch in Einzelheiten.

Mit dem Mißtrauen, das jenen Nachkriegsjahren angemessen war, beschlossen wir, den Namen Paul Hühnerfeld für das Pseudonym eines wohlbekannten Schriftstellers zu halten, der irgendeinen Grund hatte, sein Inkognito zu wahren. Und um ihn herauszufordern, schrieben wir ihm „postlagernd Münster i. W.“, er möge einmal nach Hamburg kommen.

Ich hatte Schweigen erwartet. Es kam ein Medizinstudent, dessen Name aus natürlichen Gründen so lautete wie der des bekannten Arztes und Psychiaters der Universität Münster, Hühnerfeld.

Er war jung, hatte als „Fähnrich zur See“ noch spüren müssen, was Krieg ist, liebte die Medizin, war aber ungewiß, ob es nicht eher seine Sache sein sollte, eine Feder statt eines „Hörrohres“ zu führen. Er war mittelgroß, strahlte Zuversicht und Erwartung aus. Seine Augen standen weit auseinander, und mir fiel es ein, irgendwo gelesen zu haben, dies sei ein sicheres Zeichen für Weitblick, Großherzigkeit und Begabung zum Erstaunen. Wir kamen überein, daß er bei der ZEIT den Journalismus lernen sollte. Und alle hatten ihn von Anfang an sehr, sehr gern.