London, im August

Bei den meisten Engländern, deren Meinung politisch ins Gewicht fällt, findet sich heute übereinstimmend diese Auffassung: Auf dem ganzen Gebiet der britischen Außenpolitik gibt es seit Kriegsende nichts, was so abwegig und kurzsichtig gewesen wäre wie die Einstellung einer Reihe von Regierungen gegenüber einer engeren Bindung an den europäischen Kontinent.

Mag dieser weitverbreitete Meinungsumschwung bisher auch undeutlich geblieben sein – nach Macmillans Besuch in Bonn wurde er für alle Welt sichtbar. Da gibt es zwar einige Warnungen auf der linken Seite: Die Labour-Zeitung Daily Herald weist die Regierung darauf hin, daß die Leute hierzulande nichts damit zu tun haben wollen, wenn man den Deutschen Atomwaffen gibt und daß sie es auch ablehnen, mit der französischen Politik in Algerien in Verbindung gebracht zu werden.

Und da gibt es auch eine einsame verärgerte Stimme auf der Rechten: Im Daily Express trompetet Lord Beaverbrook fast täglich seine Katastrophenwarnungen über die Insel. Er meint, allein das Commonwealth könne Großbritannien retten; jedes Engagement auf dem Kontinent sei eine gefährliche Torheit.

Aber die übrige Presse zeigte während der letzten Woche eine ungewöhnliche Übereinstimmung – und spiegelte damit den Meinungsumschwung im Lande sehr klar wider. "Neue Hoffnung", so lautet die Überschrift des Leitartikels, den der liberale News Chronicle nach der Macmillan-Reise veröffentlichte. "Ein neuer Anfang", schrieb die Times. "Ein zweiter Start", so konnte man es im unabhängigen Guardian lesen. "Der Ansatz von Dr. Adenauer ist richtig", erklärte die konservative Daily Mail und fügte hinzu: "Es war unser größter Fehler nach dem Krieg, daß wir uns von der wirtschaftlichen Integration Europas abgewendet haben."

Zum erstenmal sind die Engländer – und nicht etwa nur die Fachleute – wirklich daran interessiert zu erfahren, was auf dem Gemeinsamen Markt vor sich geht und was es mit der Beziehung zwischen den Sechs und den Sieben auf sich hat. Fernsehen, Radio und Presse bringen ausführliche Berichte über den Kontinent. So hat der Durchschnittsengländer das ganz bestimmte Gefühl, daß dort eine Entwicklung in Gang gekommen ist, der sich anzuschließen im nationalen Interesse Großbritanniens liegt.

Die Times ist da ganz typisch. Das Treffen zwischen Macmillan und Adenauer, schreibt das Blatt, "könnte ein Wendepunkt sein". Die Gespräche seien besser verlaufen, als man vor ein paar Monaten auch nur habe träumen können. Zugleich aber weist die Times – wie einige andere Stimmen auch – darauf hin, daß die wirkliche Probe noch kommt, nämlich dann, wenn der Kanzler und der Premier ihre Auffassungen den Sechs, den Sieben und dem Commonwealth vortragen. Doch gleichfalls meint die Times, und auch hier stimmt sie wieder mit anderen Zeitungen überein, es sei unklug, immer alles Chruschtschow zu überlassen. Zwar habe er in der Vergangenheit schon viel für die Einigkeit des Westens getan, aber weder hätten seine Berlin-Drohungen vom November 1958 den Bruch zwischen den Sechs und den Sieben verhindern können, noch hätten seine späteren Attacken etwas daran geändert, daß sich die Kluft verbreiterte.