Von Manfred Sack

Im Jahre 1776 erhielt der Pariser Verleger Nyon L’Alne ein Paket aus Peking, der Hauptstadt des damals in jeglicher Hinsicht fernen Kaiserreiches China. Was er beim öffnen vorfand, war von einiger Bedeutung, nicht nur, weil die Mode der Chinoiserie nach letzten Höhepunkten langsam zu verblassen begann, sondern weil die Zeit nach genauer Kenntnis verlangte. Knapp ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der französische Missionar Jean Baptiste Du Halde mit seinem fünfbändigen Werk über China den Anfang gemacht, jetzt ward den Wißbegierigen des Abendlandes zum erstenmal genauere Kunde von der chinesischen Musik.

Absender jenes Paketes – es enthielt eine Abhandlung über die chinesische Musiktheorie – war der französische Jesuiten pater Joseph Marie Amiot; 1779 veröffentlicht er seine "Mémoire sur la musique des Chinois, tant anciens que modernes" betitelte Schrift. Sie sollte das Fundament werden, auf dem alle einschlägige Literatur aufzubauen begann.

Wer je die einfältigen Bemerkungen zugleich faszinierter und entsetzter Reiseschriftsteller über die chinesische Musik zur Kenntnis genommen hat, weiß sich der Vergleichenden Musikwissenschaft dankbar. Sie widmet sich dem Gebiet seit einigen Jahrzehnten. Bis dahin hieß es, die Chinesen heulten, aber sängen nicht, und dies Geheul sei einem europäischen Ohr ganz unzumutbar.

Gewiß, die Materie ist schwierig, sie läßt sich vor allem nicht leicht darstellen. Noch nie hat eine solche Abhandlung so viel Aussicht genossen, ein gewisses Maß an Popularität zu erlangen, wie die von

Kurt Reinhard: "Chinesische Musik"; Erich Roth Verlag, Kassel; 248 S., 35 Notenbeispiele, Illustrationen, 19,80 DM.

Reinhard schreibt nur einfach und verständlich, und dieses "nur" möge er als ein Lob auffassen. Seinem Buch liegen die vieljährigen Vorlesungen zugrunde, die er an der Freien Universität gehalten hat. Er ist dort Professor für Vergleichende Musikwissenschaft und zugleich Leiter des traditionsreichen Berliner Phonogrammarchivs. Es ist offenbar, daß sich seine Erfahrungen, wie man Europäern die schwer zugängliche chinesische Musik behutsam nahebringen kann, auch auf sein Buch ausgewirkt haben.