Von Waller Abendroth

Mit ihren Opern-Novitäten hatten die Salzburger Festspiele in den letzten Jahren kein Glück. Sowohl Barbers undiskutabel überholte "Vanessa" 1958 wie Erbses geschmacklose "Julietta" 1959 führten zu derartig einmütig bescheinigten Pleiten, daß allgemein die – bis heute nicht beantwortete – Frage aufgeworfen wurde, wer eigentlich für eine solche Werkwahl verantwortlich gezeichnet habe.

Nun, wenn also der Schuldige es vorzog, anonym zu bleiben, so mag die Frage begraben werden angesichts der Tatsache, daß man jedenfalls in diesem Jahre einen Weg fand, das Renommee der Salzburger Festspiel-Musiktheater-Uraufführungen wesentlich zu heben. Eine neue Oper scheint man zwar nicht gefunden zu haben. Und eine ganz buchstäbliche Uraufführung war es auch nicht: aber immerhin die deutschsprachige Erstaufführung der szenischen Wiedergabe eines "Mysteriums", dessen Musik bereits vor einem dreiviertel Jahr in Genf uraufgeführt wurde.

Jedenfalls – und das ist schließlich viel wichtiger als der absolute Neuheitsgrad der Angelegenheit – wurden hier endlich einmal wieder die Festspielgäste mit einem zeitgenössischen Musikbühnenwerk von unbezweifelbarem Rang bekannt gemacht, das obendrein einen nicht zu unterschätzenden Pluspunkt für die Sinngebung und Zweckbestimmung des Neuen Festspielhauses ergab.

Liest man die Erläuterungen, die Frank Martin zu seiner Vorstellung von einer szenischen Aufführung seines "Mysterium von der Geburt des Herrn" gegeben hat, so möchte man glauben, das neue Salzburger Haus sei eigens dafür gebaut worden. Im Ernst – hier wurde eine überraschende Möglichkeit offenbar: eine monumentale Spezialbühne für Stücke des "großen Welttheaters", insbesondere solche, die mit der Simultanszene arbeiten, wie das ja übrigens auch bei nicht wenigen modernen Ideendramen wieder gebräuchlich geworden ist.

Frank Martin gab folgende Anweisung für die Inszenierung seines Werks, dessen Text einem Mysterienspiel von Arnoulf Greban (um 1450) nachgedichtet ist: "Es ist unerläßlich, wie im Mittelalter, ein einziges Bühnenbild zu verwenden und eine dreigeteilte Bühne: das Paradies, die Erde, die Hölle. Das Paradies bedarf keiner Dekorationen; es genügt ein blauer oder goldener Hintergrund ...Die Hölle, im untersten Teil der Bühne, muß durch unregelmäßige Gegenstände symbolisiert werden. Alles, was mit ihr zusammenhängt, muß den Eindruck der Unordnung hervorrufen ... Die Erde muß vier Konstruktionen beinhalten: das Haus Josefs, das Haus Elisabeths, den Stall von Bethlehem und den Tempel..."

Nach dieser Vorschrift hat sich der Bühnenbildner Helmut Jürgens ziemlich getreu gerichtet und schuf einen vertikal dreifach, horizontal vierfach gegliederten "Welt"-Prospekt von der symbolträchtigen Anschaulichkeit religiös-kosmologischer Imagina aus jenen noch so ganz durchchristeten Jahrhunderten.