Ein heller Saal, an den Fenstern ein halbes Dutzend Zeichenbretter; einige Schreibtische, Männer in weißen Kitteln und über allem jeneRuhe, welche die Voraussetzung angespannter geistiger Arbeit ist. Das sind die Werkstätten, in denen der neuartige Exportartikel entsteht: deutsche Ingenieurarbeit. Eine dicke Rolle mit Zeichnungen und Ordner mit Studien und Berechnungen sind das Ergebnis monatelangen Rechnens und Zeichnens, das der Auftraggeber schließlich ausgehändigt bekommt – Pläne eines Hüttenwerks, eines Kraftwerks, einer chemischen Fabrik oder etwa auch eines Flughafens.

In seinem kleinen Büro hat Friedrich Holst, Gesellschafter der "Gesellschaft für technisch-wissenschaftliche Consultation" (TEWICO), einen Stoß Papier aufgebaut. In Brackwede bei Bielefeld führt die Firma das entsprechende Projekt jetzt auch in der Praxis aus. Es ist typisch für die Arbeit von Büros dieser Art, der "unabhängigen beratenden Ingenieurfirmen".

"Da war nichts als ein Sandgelände und die Absicht der Asta-Werke, dort eine pharmazeutische Fabrik für 1000 bis 1500 Arbeiter zu bauen", erzählt Ingenieur Holst. Die TEWICO stellte also ein Ingenieurteam zusammen und ging daran, die Werksanlage nach dem von der Firma vorgezeichneten Arbeitsablauf zu planen die Bauten zu entwerfen und die modernsten Maschinen für die pharmazeutische Fertigung auf ihre Brauchbarkeit und Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Eine auf die Bedürfnisse des Werkes abgestellte Abwässer-Kläranlage mußte ebenso geplant werden wie der Eisenbahnanschluß mit Verladeeinrichtung.

Dem Auftraggeber wird der Betrieb schlüsselfertig übergeben, so daß er nur noch auf den Knopf zu drücken braucht, um die Fertigung anlaufen zu lassen. Und auch dann wird die TEWICO noch gewisse Garantien für das Funktionieren des technischen Betriebs leisten.

Heute eine pharmazeutische Fabrik in Brackwede, gestern eine Eisengießerei in der Türkei, morgen eine Raffinerieanlage irgendwo – "wir stehen bei jedem Auftrag vor neuen Problemen", sagt Holst. "Häufig stoßen wir bei der Planung auf Dinge, an die der Kunde selber nicht gedacht hat. Da sollten wir zum Beispiel eine Anlage bauen, die Abfälle aus der Ananas-Verarbeitung zu Futtermitteln verarbeitet. Der Kunde war sehr erstaunt, als wir ihm sagten, daß er dabei auch noch rationell Alkohol gewinnen könne."

Um allen Aufgaben gewachsen zu sein, muß ein Büro schon einen Stab von 100 Ingenieuren haben. Doch es gibt auch Büros, in denen 500 Techniker sitzen. Holst erläutert auch, welchen Vorteil der beratende Ingenieur seinem Kunden bietet: "Wir können ein Projekt aus den Produktionsprogrammen der verschiedensten Werke kombinieren. Das ist meist rationeller und billiger, als etwa ein Kraftwerk bei einem einzigen Werk zu bestellen."

Vierzig Ingenieurfirmen haben sich in der Bundesrepublik zu der "Gemeinschaft unabhängiger beratender Ingenieure e. V." zusammengeschlossen, In ihrem Prospekt, der die Arbeitsgebiete der einzelnen Firmen aufführt, nennen sie sich im Untertitel "Deutsche Consulting Engineers". Sie weisen damit auf den Ursprung dieses neuen Typs von Ingenieurbüros hin: auf die USA, wo die "Consulting Engineers" seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle spielen. Die Behörden lassen dort fast alle Projekte von ihnen ausführen, und viele Millionen Dollar der amerikanischen Auslandshilfe laufen durch ihre Bücher.